Der Amoklauf
Am 26. April 2002 hatte ich meine schriftliche Abiturprüfung. Bis im Schulgebäude Schüsse fielen.
Ich erinnere mich noch, wie ich an diesem Morgen aufgeregt um sechs Uhr aufgestanden bin und neben meiner Mutter im Bad die Zähne putzte. Es war der Tag meiner letzten schriftlichen Abiturprüfung. Während ich am Frühstückstisch saß, ging ich noch ein paar Aufgaben durch und meine Mutter sprach mir gut zu. Mit „drei Mal über die Schulten spucken" verabschiedete sich meine Mutter von mir, als ich zum Bus musste. Wie immer fuhr ich mit Anne* und Sarah zusammen zur Schule. Ich schien die einzige zu sein, die vor Lampenfieber nicht still sitzen konnte. Am Haupteingang trafen wir auf die anderen und rauchten noch eine zusammen. Zwei unserer Lehrer kamen vorbei und machten Späßchen. Dann machten wir uns auf den Weg in den vierten Stock, wo die Prüfungen stattfinden sollten.
Wir setzten uns auf unsere Plätze. Frau Haller, die stellvertretende Direktorin, kam zu mir und sprach mir Mut zu. Das war das letzte Mal, dass ich Frau Haller sah. Jeder hatte jetzt seinen Prüfungsbogen vor sich liegen und stand unter der Beobachtung von Herrn Pfister und Frau Bauer. Die Zeit war angesetzt bis 11.25 Uhr. Gegen halb elf brauchte ich ein neues Blatt und ließ mir von Frau Bauer eins geben. Danach verließ sie das Zimmer und wurde von Frau Wagner abgelöst. Auch Frau Bauer sah ich danach nie wieder.
Gegen elf waren plötzlich laute Geräusche im Schulhaus zu hören. So wie fast jeder dachte ich, dass bestimmt die Handwerker für das Knallen verantwortlich sind. Also rechnete ich weiter an meiner Vektoraufgabe. Die Lehrer gingen zum Fenster und tauschten merkwürdige Blicke aus. Nach und nach standen auch die Schüler mitten in Ihrer Abiturprüfung auf und schauten aus den Fenstern. Ab hier verliere ich jegliches Zeitgefühl für diesen Tag.
Plötzlich hieß es, wir sollten unsere Prüfungen so liegen lassen, wie sie sind und uns an die Wand setzen. Vom Schulhof schrie jemand "Weg von den Fenstern!" Mitschüler erzählten, dass Lehrer über Zäune gesprungen sind. Herr Pfister sprach mit der Direktorin und verriegelte danach die Türen auf beiden Seiten des Raums. Was war hier los? Es hieß plötzlich, an unserer Schule wird geschossen und es hätte schon drei Lehrer von uns erwischt...Nein! Mein Vater - was war mit ihm? Ist er gerade im Schulhaus und hält eine Biologiestunde oder versucht er gerade, seinen Schülern Hüftaufschwung in der Sporthalle beizubringen? Ich griff nach meinem Handy und rief meinen Dad an. Er ging nicht dran. Ich fing an zu weinen. Nach dem vierten Klingeln meldete er sich. Er sei schon draußen, sagte er und fragte, wo ich bin und ob alles okay sei. Als wir auflegten, entdeckte ich die Scharfschützen auf den Dächern der umliegenden Häuser. Ist das alles real?
Mittlerweile war es in der Aula, in der wir unsere Prüfung schrieben, mucksmäuschenstill geworden. Alle 50 Schüler und die zwei Lehrer gaben keinen Laut von sich. Nach und nach bekam jeder Anrufe von Familie, Freunden und Mitschülern aus anderen Räumen in der Schule. Das Gemurmel wurde immer lauter. Bis es plötzlich auf unsere Etage einen lauten Knall gab. Ich erinnere mich noch, wie Steffi sich unter den Tisch warf und in alle Gesichter die Angst geschrieben war. Nichts passierte. Nach etwa drei Stunden hörten wir wieder Geräusche auf unserer Etage. Dann klopfte es an unserer Tür. Herr Pfister ging langsam zur Tür und sprach mit jemandem auf der anderen Seite der Tür. Ich telefonierte gerade mit meinen Großeltern, als ich plötzlich sah, dass er die Tür öffnen wollte und ich war mir sicher, dass das der letzte Moment ist, den ich in meinem Leben erlebe.
Als sich die Tür öffnete, stand ein Mann vom SEK in voller Montur vor uns. Nur seine Augen sah man - traurig, erschöpft, voller Mitleid und selbst so ängstlich. Ein paar SEK-Männer kamen in den Raum und sicherten alles ab. Wir sollten alles stehen lassen und in Gruppen jeweils zu zehnt den Raum verlassen. Da der oder die Täter noch im Schulhaus waren, stand alle zehn Meter ein Mann vom SEK und sicherte uns den Weg. Ich erinnere mich, wie Sarah meine Hand nahm und mich einfach mit sich zog. Das Schulhaus wirkte gespenstisch. Überall standen die Türen offen und deuteten auf Flucht.
Eine Etage weiter unten sah man schon das erste Ausmaß. Neben den weitgeöffneten Türen und dem hellen Tageslicht, welches sich im Fenster brach sah man die Einschusslöcher in den Türen und Wänden. Sarah zog mich immer weiter hinter sich her. Eine Treppe weiter unten sah man Blut an den Wänden und auf den Stufen, welches die letzten Minuten von Herrn Lackner erzählte, wie sich später herausstellte. Auf dem nächsten Treppenabsatz lag er dann auch abgedeckt mit einer Tapetenrolle, nur die Arme lagen frei. Ich erinnere mich noch, wie ich kurz davor stehen blieb und auf die Armbanduhr starrte. In Gedanken ging ich die Uhrensammlung meines Vaters durch und hoffte, keine davon hier wiederzuerkennen.
Ich wurde weiter gezogen - keine Chance zu verweilen - warum auch? Um sich die Situation bewusst zu machen? Sich klar zu werden, was hier um einen herum geschah? In den nächsten Minuten sollte es nur noch viel schlimmer werden. Zwei Lehrer, wie schlafende Menschen auf dem kalten Boden. Auf perverse Art und Weise hingerichtet. An ihnen vorbei wurden wir in einen nächsten Raum gebracht. Alle etwa 80 Schüler, die sich im Schulhaus verbarrikadiert hatten, wurden nun auf zwei Räume aufgeteilt, bis das gesamte Schulhaus abgesichert war. In diesem Raum traf man nun Mitschüler, Lehrer und jüngere Schüler. Frau Peters versuchte alles auf philosophische Weise zu ergründen, während andere schon erste Vermutungen äußerten, wer denn der Täter gewesen sei Ziemlich schnell wurde der Name Robert S. erwähnt, da Franzi ihn an seinen Augen erkannt hatte.
Plötzlich hörte ich zwei Freunde neben mir tuscheln, die sich fragten, ob denn mein Vater noch lebt. Schon komisch. Nach einer Weile kam ein Mann in den Raum und sagte: "Für Essen und Trinken ist gesorgt" - Bitte? Ich will hier raus und nichts essen oder trinken. Nach etwa einer Stunde (wie gesagt, ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren) durften wir diesen Raum verlassen und sollten wieder grüppchenweise in die Turnhalle. Hier wurde man als "Opfer" registriert und auf eine Liste geschrieben. In der Sporthalle lagen Matten und warteten Sanitäter. Es war alles so irritierend und völlig irreal. Nun sollten wir endlich in einen Van steigen und wurden zum Sportplatz gleich in der Nähe gefahren. Hier warteten Familie, Freunde und natürlich die Presse. Erneut bekam man ein Bändchen und wurde registriert. Und schon hatte man einen Sanitäter an seiner Seite. Zum Glück kannte ich Ihn vom Basketball und hab ihn gebeten, mich einfach nur zu meinem Vater zu lassen. Endlich konnte ich meinen Dad in die Arme schließen.
Als Glücksbringer für meine Abiturprüfungen hatte ich immer ein Foto von drei Lebenslichtern dabei, welche ich ein paar Monate zuvor in Nôtre Dame angezündet hatte. Bis heute glaube ich, dass das meinem Dad und mir das Leben gerettet hat. Komischerweise wollte ich meinen Tag normal beenden und bin mit Bus und Bahn nach Hause gefahren. Dort wartete meine Mutter schon auf mich und hatte zwei Zigaretten bereit gelegt. Mein Dad kam später, weil er mit dem Fahrrad in der Schule war. Permanent klingelte das Telefon. ZDF, ProSieben, sogar aus den USA wurden wir angerufen. Man ließ uns nicht in Ruhe unseren Schock verarbeiten. Als ich ins Bett ging, konnte ich nicht einschlafen. Ich kletterte zu meinen Eltern ins Bett und hoffte auf ein Gefühl der Sicherheit. Meine Mum sagte: "Bei uns bist du sicher." Ich antwortete: "Das dachte ich in der Schule auch."
*alle Namen geändert

Kommentare
Wirklich sehr gut geschrieben.
02.02.2010, 13:18 von LisathedancerIch glaube so ein Erlebnis wird man nie vergessen können. Trotzallem: Alles GuteQ
... man denkt halt immer, datt passiert nur den anderen ... krasse story, ich weiss gar nicht, was ich dazu sagen soll außer: alles gute!
27.02.2009, 19:40 von justnineIch finde es sehr bewundernswert, dass du die Nerven hattest, das hier alles noch mal aufzuschreiben!
28.11.2008, 18:18 von laughing_pennyDas verschlaegt einem echt die Sprache...
gänsehaut überall
16.10.2008, 01:21 von verkannteLizman kann nichts dazu sagen wenn man es nicht selbst erlebt hat. Respekt für diesen klasse text, ansonsten schließe ich mich den anderen kommentaren an
sprachlos...
26.07.2008, 21:11 von prinzessin_lillifeedas ist heftig. ich heule, vielleicht weil es spät ist und ich grad schon einige mitnehmende texte hinter mir habe. vielleicht spielen mir auch die hormone einen streich.
29.06.2008, 00:20 von la_lionneaber, liebe foershty, was du erlebt hast, ist so hart, so nah von dir erzählt, das man sich gleich völlig schutzlos und angreifbar fühlt.
man sieht auf einmal mehr, als nur die kalte, gefühlfreie berichterstattung in den medien.
hart. danke fürs teilen.
Krasse Geschichte. Das aus erster Hand zu lesen, ist etwas ganz anderes als es in irgendeiner Zeitung zu sehen. Es muss schwer zu verkraften sein.
02.02.2008, 16:30 von CotezeahIch hatte bis jetzt keine Empfindung gegenüber den Amokläufern, doch als ich das las bekam ich immer mehr Wut.
Es tut mir Leid, dass ihr das wegen ein paar dummen Menschen erleben musstet.
es ist immer wieder erstaunlich,wie es mit uns soweit kommen konnte.eigentlich müsste man die menschen hasse so wie sie sind und sich benehmen,aber das geht nicht,wir sind selber menschen.schade dass man grundlegende werte und normen nicht schnell ändern kann.
23.12.2007, 18:06 von EnteOhneOhrenes ist sehr interessant sich die diskussionen hier durchzulesen.es gibt einige gute kommentare.
ich kann mich nur anschließen wenn es darum geht,wie schrecklich und grausam so etwas ist.obwohl es mittlerweile mehr als 5 jahre her ist,dachte ich beim lesen,ich sei live dabei.
angst dabei macht mir,dass es in meinem jahrgang einen jungen gibt,der erst diese woche einen amoklauf angedroht hat.ich habe angst-alle haben angst-aber es wird ja doch wieder nur getuschelt und es wird nichts dagegen unternommen,er kommt weiterhin zur schule und singt im chor.HILFE der junge brauch HILFE.
ich habe mich neulich erst mit ihm unterhalten-er hat doch pläne! er hat zum glück keinen zugang zu waffen-aber er hatte bereits ein messer bei sich,mit dem er sich bei den jungs seiner klasse rechen wollte! HILFE
ich wünsche dir alles gute und hoffentlich bringt dir das bild dieser drei kerzen weiterhin glück!
ente