Wohlstandsasoziale 30.11.-0001, 00:00 Uhr 54 70

Das traurige Schicksal der Arschlöcher

... wer sagt, Frauen sind die Guten?

Bei dir kann ich mich eingraben. Nase in diese Stelle an deiner Schulter, Stirn an deinen Hals. Mein Herz schlägt nicht für dich, auch wenn ich es versuche, auch wenn ich ihm zuflüstere, du sollst bitte der Allerwichtigste sein.
“Guck mal, der passt gut auf uns auf!”, murmele ich so leise, dass du es nicht hörst, “Bitte bleib doch ein wenig hier!” Aber mein Herz ist genau wie mein Verstand, bockig und uneinsichtig, und je mehr ich zu überreden versuche, desto mehr weigert es sich.

Meine Angst ist auch nicht da, wenn ich bei dir bin, das Atmen macht in deiner Hand mehr Spaß als allein. Die Worte verlassen meinen Mund mit dem Wunsch, ehrlich zu sein und sie verletzen dich, aber du bist zu schwach, um mir das zu zeigen, und ich bin zu schwach, um dich erkennen zu lassen, dass meine ganze dich zerstörende Stärke auch nur Schwäche ist, und wenn das jetzt verworren klingt, dann ist es genau das, was ich fühle. “Ich weiß es auch nicht”, sage ich, fast mürrisch, wenn du fragst, wenn du wissen willst, wie es weitergehen soll, wann sich etwas ändert, wann ich weiterziehe und dich endlich in Frieden leben lasse. Bei all meiner Verwirrung ist mir klar, du bist ein guter Mensch und ich nicht, ich sollte gehenrennenlaufen, weg von dir, es würde dir weh tun, aber es wäre das Richtige.

Ich würde doch so gerne. Dir meine Geheimnisse nicht nur in Geschenkpapier eingepackt in den Briefkasten schmeißen, sondern neue Geheimnisse haben mit dir. Schöne, die nicht in der Nacht in meinem Schrank wüten. Seifenblasen-Geheimnisse, Gänseblümchen-Geheimnisse. Solche, die keine Angst machen. Dir alles geben, was ich habe, nicht nur meinen Ballast.

Wie soll ich dir erklären, dass ich ein Frosch bin? Ein panischer kleiner Hase, der jeden Grashalmschatten für einen Fuchs hält? Egal, wie oft ich es dir sage, du denkst, ich bin süß und liebenswert. Dabei bin ich gemein. Wäre ich du, ich würde mich aus dem Haus schubsen, mich anbrüllen, auch mal “Hör zu, ich hab gar keine Lust auf deine dummen Geschichten!”, rufen, aber das machst du nicht. Wenn ich bei dir bin, bin ich mutig, dann traue ich mich, meine Hand halten zu lassen, allein zu sein mit dir, aber wenn ich alleine bin nur mit mir, dann winde ich mich.

Wenn du dich zwei Tage nicht meldest, weil ich gesagt habe, ich will diese Nähe nicht, will nicht, dass du dich aufreibst, dann sitze ich zu Hause, laufe zwischen Telefon und Handy hin und her, kaue meine Nägel ab und vermisse dich. Vermisse, wie du neben mir liegst, mich kraulst, bis ich einschlafe. Vermisse, wie du alles aufzählst, was ich an mir hasse, innerlich, äußerlich, und sagst, dass du es magst. Wie du lächelst, wenn ich sage, du sollst nicht lügen, und sagst, es sei die Wahrheit, seit so vielen Jahren. Wie du guckst, wenn du siehst, dass ein anderer an meinem Körper Spuren hinterlassen hat, wie du dann schweigst und mich in den Arm nimmst, und wie ich es dann bereue, wie ich es so gerne rückgängig machen würde. Und dann rufst du an, und ich sage dir, ich hätte gerade viel zu tun.

Und trotzdem nennst du mich deine Prinzessin, trotzdem kochst du für mich, trägst mich, wenn ich zu müde zum Laufen bin, rennst im Regen mit mir zum Spielplatz, weil ich gerade Lust auf Schaukeln habe. Du stehst zwischen meinem Auto, und der Wand, an die ich gleich knalle, und du weichst einfach nicht aus, wieso gehst du denn nicht weg? Ich fahre zu schnell, um anzuhalten, und vielleicht kann ich ja nicht einmal fahren, vielleicht habe ich nicht einmal die leiseste Ahnung, wo die Bremse ist. Und du bleibst stehen. Ich versuche, mich zu verlieben, ich versuche, dich als Freund zu wollen, als richtigen, ich versuche, nicht zu zerbrechen, wenn du sagst, ich brauche einfach Zeit und du hättest schon so lange gewartet, da käme es auf ein paar Monate nicht mehr an. Und wenn ich sage, dass ich nicht versprechen kann, dass sich etwas ändert, dann bleibst du trotzdem. "Ich will aber dein ganz richtiger, echter, wirklicher Freund sein", flüsterst du mir ins Ohr, "und irgendwann werde ich das sein, ich höre nicht auf, daran zu glauben" Ich glaube nicht daran, aber das kann ich dir nicht sagen, ich schweige nur. "Es macht mich ganz verrückt, dass du nicht redest!", motzt du manchmal, und ich werde immer leiser.

Wenn ich höre, wie es in deiner Brust flattert, wenn ich mich anlehne, wenn ich merke, dass du jedes Wort, das ich jemals sagte, abgespeichert hast, dann rührt sich bei mir nichts, obwohl ich dich so furchtbar gerne mag. Ehrlich. Aber vielleicht sollte ich lügen, sagen, dass ich dich nicht leiden kann, damit du endlich verschwindest.

“Du bist ein komisches Mädchen, bei dir ist alles so verdreht!”, hast du einmal gesagt und geweint, und ich habe geschwiegen, und ich wünsche mir so sehr, dass du siehst, erkennst, dass ich genau das bin, wovor ich meine Freundinnen warne: Ich bin hier der Arsch, und ich hab dich nicht verdient und du bist hängen geblieben wie eine Mücke in einem Spinnennetz, und auch wenn du dich befreien kannst, bleibt die Hälfte an mir hängen. Je mehr ich dich zappeln lasse, desto mehr saugt dich das aus.

Und der Gedanke, dass du dennoch irgendwann gehst, hoffentlich gehen wirst, macht abends, alleine im Bett, alles in mir kaputt.

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54 Antworten

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    Aua..

    17.02.2015, 19:50 von Denii
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    Wahnsinnig guter Text!

    14.12.2013, 12:04 von Sunny2401
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    top text (so richtig nach dem ersten drittel, irgendwie war ich bis dahin noch nicht richtig drin, bzw. habe nicht erkennen können, wohin der hase läuft).
    so ist es und warum? weil wir irgendwann mal gelernt haben, dass man sich für liebe anstrengen muss?

    30.08.2012, 23:32 von laylalani
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    :/

    24.06.2011, 11:22 von turtle_express
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    sau guter text.. ich kenne die eine, wie auch die andere seite... geht wohl vielen so...
    mir gefällt der text echt ausgesprochen gut.
    hat mir gänsehaut gemacht

    23.06.2011, 20:01 von Blue-Bird
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    Sehr schöner und sehr ehrlicher text =)

    18.06.2011, 20:07 von nachtluftriechtfrei
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    positivbeispiel: text. sehr schön geschrieben.
    negativbeispiel: kommentare. unglaublich, wie viele leute sich hier offenbar selbst gerne reden hören und mit dem moralischen zeigefinger von der alleinigen richtigkeit ihrer werte überzeugt sind. heißt für mich einfach zu wenig gefühlt im leben, oder auf einem emotional-erwachsenen niveau geboren, von dem man nicht dermaßen herablassend runterblicken darf.

    14.06.2011, 13:55 von MainStream
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      @MainStream Und du reihst dich nahtlos ein, oder wie?

      14.06.2011, 13:59 von quatzat
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    grossartig! könnte inhaltlich von mir sein.

    14.06.2011, 11:55 von Pixie-O
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