cell44 29.03.2007, 01:48 Uhr 91 112

Das schwierige zweite Album.

Arcade Fire, Maximo Park, Bloc Party – alle haben nachgelegt. Jetzt sind wir dran.

Es war ein Sommer mit extrem viel großartiger Musik, als wir uns kennen lernten. Das erste wirkliche Gesprächsthema, was wir in deiner Küche hatten, waren die Shins. Zugegebenermaßen ihr zweites Album, aber das gefühlte erste. Ich als harter Musiknazi hatte schon lange keiner zeitgenössischen Musik mehr eine Chance gebeben, Elliott Smith war Gott und ich duldete keine falschen Idole. Die Shins hatten sich da irgendwie reingemogelt. Und wie toll wir die fanden. Und wie toll wir uns fanden. Rote Grinsebacken und verlegenes Lachen.

Prinzipiell traue ich Frauen keinen wirklichen Musikgeschmack zu. Du belehrtest mich eines Besseren und hast mir die ganze verhasste Trendwichse gezeigt. Über Musik reden hielt ich für ziemlichen Quatsch, weil sowieso niemand versteht, was man meint und fühlt. In deinen Augen hab ich aber gesehen, dass in dir exakt das gleiche passiert. Als wir in deiner Küche gesessen und gedacht haben, wie unglaublich geil „A Certain Trigger“ ist. Als wir im Magnet patschnass zu „Banquet“ unsere sexy Hüften schwangen, uns küssten, lachten und im Morgengrauen in den Tag fickten. Als wir Hand in Hand in Ehrfurcht Arcade Fire sahen, zu gefangen um zu reden. Es gab wirklich großartige Musik in diesem Sommer.

Unser Album war ziemlich abwechslungsreich. Auf Partysmasher vor dem Herren kamen Trauernärsche mit suizidaler Note, wieder zurück ins Gebretter, wieder tiefe Trauer. Der letzte Song sollte leider die traurigste Ballade aller Zeiten werden. Ich bin froh, dass sie sich niemand außer uns anhören musste. Es tat weh. Alles tat weh, immer wieder. Du mir, ich dir, wir uns. Bis du nicht mehr konntest. Und ein halbes Jahr später nicht mehr wolltest. Haldern 2006. Kante bringen Unglück.

All unsere Bands waren für mich gestorben. Keinen einzigen Song konnte ich davon aushalten, zurück zu Elliott. Stilecht betrunken und unter Drogeneinfluss, vier Monate lang Trauerrausch. Weit unten und mit der bitteren Einsicht, dass der Weg nach oben verbaut ist.

Jetzt steht der Frühling vor der Tür. Vor zwei Jahren saßen wir da in deiner Küche. In der Wohnung, in der du längst nicht mehr wohnst. Zwei Menschen, die es nicht mehr gibt. Unsere Bands gibt es noch. Und jetzt bringen sie neue Alben raus. Versuchen neue Sachen, weil sich niemand auf dem alten Album ausruhen kann. In drei Tagen wollte ich eigentlich zu Arcade Fire gehen. Du in zwei, vermute ich, da sollten sie in deiner Stadt sein. Unsere ultimative Band, unser absolutes Konzert – der Rest der Europatour ist abgesagt. Haha.

Vor zwei Wochen hab ich dich gesehen, das erste mal seit fünf Monaten. Es war so großartig wie immer, aber es ging mir am nächsten Tag nicht schlecht. Auch wir spielen unser schwieriges zweites Album ein, jeder für sich. Ich arbeite alleine, hab noch ein paar weinende Lieder über, die ich immer noch mag. Die neuen Songs sind noch nicht wirklich fröhlich, aber im Sommer soll die Platte fertig sein. Bis dahin kommen noch ein paar garantierte Tanzflächenfüller dazu, mit hoffnungsvollen Texten, die nicht mal im Entferntesten von dir handeln werden. Ich vermute, dass deine Platte ein bisschen reifer sein wird, der gute Einfluss deines Partners. Pompös arrangiert, mit Streichern und Chören, aus der vollen Kraft deines wunderschönen Körpers.

Ich weiß nicht, ob ich es je hören werde. Aber ich würde es mir gerne mal anhören, wenn wir soweit sind. Langsam gewöhne ich mich an den Gedanken, dass es höchstwahrscheinlich keine Reunion mehr geben wird. Wir waren wohl nie wirklich gut füreinander. Dafür das derbste Rock’n Roll-Ding, das es jemals gab.

Wir machen neue Alben, jeder für sich. Weil es richtig ist. Viel Glück, Baby.

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91 Antworten

Kommentare

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    nee, nicht außergewöhnlich. dabei aber wieder mal nen treffendes beispiel dafür, welche rolle musik spielt. und wie sie einem sogar vorgaukelt man würde zum anderen passen.
    angenehm geschrieben

    22.08.2009, 00:08 von SonofDistress
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    Immer noch mit Abstand der beste Trennungstext im ganzen Neonnebel!

    20.08.2009, 01:21 von sorc
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    wow, interessant verglichen, sehr gut geschrieben und hat mich ohne kitschig zu sein doch sehr berührt ...

    15.08.2009, 19:54 von againstallodds
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    ...bin beeindruckt! Toll geschrieben!!
    ..und so wahr...Auch Soloalben nach der Auflösung sind wahnsinnig heikel...

    09.07.2009, 22:31 von Cooco
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    Das zweite Album ist anders aber oft auch viel viel besser. Hat bei mir auch geklappt. Aber vielleicht findest du ja einen ganz neuen Headliner... Good Luck, Baby!

    24.04.2009, 14:41 von zmrzlina
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    wundervoller text!

    17.04.2009, 20:49 von Nyckelpiga
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    Es ist ja jetzt eine Weile her...habt ihr jemals wieder zusammen Musik gehört?

    Ja es gibt einige Songs die man nach leidenschaftlicher Liebe vermisst! Aber irgendwann zieht sich wenigstens nicht mehr alles nach den ersten Tönen in sich zusammen.

    30.03.2009, 09:29 von leila27
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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      @mezzanine Da schließe ich mich doch glatt an in die allgemeine Lobhudelei. Good words, man

      Cheers

      r.

      17.03.2009, 15:53 von ringerman
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    Dieser Text hat mich so richtig tief berührt- ich könnte heulen, weil ich es so genau nachvollziehen kann!

    25.02.2009, 17:43 von Supergalaktisch
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    Toller Text...beschreibt soviel..

    09.02.2009, 16:27 von Crazyblu
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