PONY. 19.05.2011, 14:07 Uhr 21 46

Das Ende einer Suche

Ich wünschte, ich hätte die Welt durch deine Augen gesehen und meine nicht vor langer Zeit geschlossen.

Als ich beschlossen habe, eine zeitlang ohne dich sein zu sein, da war ich davon überzeugt, dass du der Grund für meine Kopfschmerzen warst und dafür, dass meine Gedanken an vielen Tagen eingesperrt waren. Meine Stimme stockte, wenn ich versuchte, damit Gefühle zu transportieren und ich gab dir die Schuld dafür, dass ich mich wie in einen Käfig gesperrt fühlte, obwohl die Welt bunt und riesengroß ist. Ich war tagelang traurig, obwohl ich ein gutes Leben führte und dachte, dass ich die Welt vielleicht durch deine Augen sah. Ich weiß nicht, ob du das Gefühl kennst, alles zu haben, aber das Leben an manchen Tagen trotzdem keinen Sinn macht. Ich wollte wieder fühlen und spüren wer ich war, weil es schon so lange kein Ich mehr gab. Es gab nur ein Uns und ich war mit meinen Gedanken nicht mehr bei dir, sondern habe zurück geblickt und meine Silhouette am Horizont gesucht.

An dem Tag, als du die Türe hinter dir ins Schloss geworfen hast, habe ich mich vor den Spiegel gestellt und mich gefragt, was ich von meinem Leben erwarte. Ich habe mich gefragt, warum ich mich schlecht fühlte, obwohl ich Liebe hatte und mir im Leben alle Türen offen standen. Ich weiß nicht, ob du dich jemals vor den Spiegel gestellt hast und dich so lange angesehen hast, bis du dir selbst ganz fremd vorkamst. Das ist ein seltsames Gefühl, schließlich sieht man sich nicht jeden Tag, zumindest nicht für lange Zeit. Es gab in diesem Moment nur mich. Meine Blicke wanderten über meinen Körper, von meinen Zehen bis zu meinem Haarschopf, von einer Seite zur anderen und wieder zurück, und um mich herum war alles still. Ich hörte meinen leisen Atem und mein Herz, das laut schlug. Meine Ohren rauschten leise, und ich hörte das sanfte Flüstern meiner Gedanken.

Ich habe an diesem Abend keine Antworten auf meine Fragen bekommen und auch an all den Abenden danach nicht. Ich wusste nur, dass meine Füße, seit du weg warst, über dem Boden schwebten und ich mich befreit und leicht fühlte. Und als ich am nächsten Morgen mit fürchterlichen Kopfschmerzen aufwachte, wusste ich, dass es nur der Alkohol gewesen war, der meine Sinne berauscht hatte.

In der Zeit habe ich viele Romane gelesen, die sich mit dem Leben, dem Tod und der Liebe beschäftigen. Bücher, die du niemals lesen würdest, weil du der Meinung bist, dass ich die Antworten für mein Leben nicht in fremden Worten finden werde. Und du hast recht behalten, wie du mit so vielem recht hattest. Ich ging in Galerien, habe mir die beeindruckensten Bilder angesehen und mich in andere Welten geträumt, aber als ich die Augen aufmachte, war ich immer noch ich. Du hast einmal gesagt, dass ich selbst der Grund für mein Unglück sei, und deshalb könnte ich an den schönsten Plätzen der Welt sein und wäre immer noch unglücklich. Ich kann nicht vor mir selbst davon laufen, meintest du. Ich bin auf die höchsten Berge gestiegen und am Gipfel auf das Kreuz geklettert und habe den letzen Rest meiner trüben Gedanken aus mir heraus gebrüllt, aber am Ende fühlte ich mich nicht freier, sondern nur erschöpft und ein bisschen lächerlich.

Nach ein paar Wochen habe ich mit dem Schreiben wieder angefangen, und meine Gedanken waren fast schwerelos. Mein Kopf war frei und die Geschichten strömten meine Arme hinab durch meine Finger auf den Bildschirm meines Computers. Ich saß nächtelang auf dem Balkon, habe geschrieben, und ab und zu habe ich in die Sterne geblickt und mich gefragt, wo sich wohl der große Bär oder der kleine Wagen befinden. Und oft habe ich mich auch gefragt, wie es dir geht und ob du auch schlaflos bist und jetzt draußen sitzt und in den Himmel blickst.

Nach drei Monaten hast du mir so gefehlt, dass meine Hände vom Schreiben ganz taub waren. Und ich musste mir eingestehen, dass ich niemanden außer mich selbst für mein Leben verantwortlich machen kann. Nicht du hast mein Grab geschaufelt, am Ende waren es meine eigenen Hände, die von der Erde ganz braun waren. Ich habe große Mauern in meinem Kopf errichtet, über die ich nicht mehr blicken konnte, ich habe meine Gefühle eingesperrt, aber mein größtes Unglück sind meine nicht gelebten Träume. Ich wünschte, ich hätte die Welt durch deine Augen gesehen und meine nicht vor langer Zeit geschlossen.

Jetzt sitze ich hier und bin mit meinen Worten am Ende, dabei wünsche ich mir nichts mehr als einen wortgewaltigen Anfang. Und ich hoffe, dass es dafür nicht zu spät ist.

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21 Antworten

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    08.02.2012, 18:42 von wuebbipoa
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    oh man wunderschoen - das bin ich. danke das du meine gedanken augeschrieben hast ;) nein wirklich, ein sehr schoener text!

    01.09.2011, 15:08 von incyde
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    echt schön..!

    04.06.2011, 10:55 von Bellala_-
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    Wunderschöne, traurige Worte!

    27.05.2011, 09:23 von Lieblang
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    Danke!

    24.05.2011, 23:34 von arleena
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Hab mich beim Lesen total in dem Artikel verloren. Gefällt mir total. Danke.

    23.05.2011, 21:11 von Sternenpflueckerin
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    "Ich wünschte, ich hätte die Welt durch deine Augen gesehen und meine nicht vor langer Zeit geschlossen."

    Der Satz ist wirklich ganz großes Kino! ;) Außerdem mag ich das 'vor-dem-Spiegel-Stehen', weil auch ich mal - jedoch in ganz anderer Situation - vor einem Spiegel stand und einsehen musste, dass durch das sich aus der Nähe Betrachten man selbst verschwimmt...und scheinbar Fremd wird, weil man sich selbst sonst nie so detailliert wahrnimmt.

    Viel Glück!

    23.05.2011, 17:26 von Bildungsbuerger
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    den find ich gut

    23.05.2011, 15:45 von Surecamp
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    Toller Text.
    Trotzdem, versuch deine Welt durch DEINE Augen zu sehen... und red dir nicht ein, sie durch die Augen der Person zu sehen die dein Herz hat.

    23.05.2011, 15:31 von Musik-lauscher
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