Das Allerheiligste, der Pfarrer und ich
7 Jahre lang war ich Ministrantin. Dann bin ich aus der Kirche ausgetreten.
Als der neue Pfarrer in unsere Dorfgemeinde kam, war ich 9 Jahre alt. Bis dahin hatte ich mich kaum mit der Kirche beschäftigt, die stand da eben, und am Hang unterhalb des Friedhofs konnten wir gut Pyramide spielen. Der neue Pfarrer hieß Pfarrer Gustl, er war groß, hager und trug eine Brille. Er kam in unsere Schule und erklärte, bei ihm dürften ab jetzt auch die Mädchen ministrieren. Als ich merkte, wie sich die Dorfbewohner darüber aufregten, So ein Skandal, sagten sie, Mädchen als Ministranten, das ist ja unerhört, war ich sofort dabei und meldete mich im Pfarrhaus.
Von da an war es meine Aufgabe, dem Pfarrer sonntags zu assistieren. Ich mochte die Rituale, das Mischen von Wasser und Wein, das dröhnende Echo der Orgel, unsere einfachen, weißen Kutten, den Geruch nach altem Mauerwerk, das die Last von Jahrhunderten trug. Nur das Allerheiligste mochte ich nicht, es war mir unheimlich, wie es glänzte und protzte, wie ein billiges Spielzeug, mit Faschingsglitter überzogen. Am liebsten war’s mir, das Allerheiligste blieb drin, es war so ein seelenloses Ding, und wenn es an den hohen Feiertagen in der Prozession ganz vorne herumgetragen wurde, sah ich meistens nicht hin.
Schnell wurden wir eine kleine Gemeinschaft, die etwas gemeinsam hatte, die etwas Besonderes teilte. Etwas, das wir nur schwer beschreiben konnten, da waren diese Leichtigkeit und Unbeschwertheit, wenn wir versuchten, die feuchten Kohlen für das Weihrauchfass zum Glühen zu bringen oder wenn wir auf einer Hochzeit über den roten Zylinder des Bräutigams kicherten. Der Pfarrer war unser Dreh- und Angelpunkt, ein Mensch mit einer faszinierenden Ausstrahlung, anziehend und leuchtend, wie eine kleine Sonne. Jahre zuvor hatte er einen Gehirntumor gehabt, und immer wieder musste er sich schweren Operationen unterziehen. Es gab Tage, an denen tat ihm der Kopf so weh, dass er sich übergeben musste. An anderen Tagen sah er doppelt, alles. Aber es gab keinen Tag, an dem er uns nicht laut und fröhlich ein Lied entgegenschmetterte, an denen sein Lachen nicht durch die Sakristei huschte und in unseren Ärmeln hängen blieb.
Als ich 12 war, wurde ich zur „ersten weiblichen Oberministrantin von Bad Dürrnberg“ ernannt. Ich war nun für das Glockenläuten zuständig, vier Glocken gab es, die in einem bestimmten Rhythmus eingeschaltet werden mussten, damit ihr voller Klang alle Dorfbewohner in die Kirche lockte, ich durfte außerdem die Aufgaben verteilen und Anweisungen geben. Während der Messe war es mein Nicken, das die anderen Ministranten in Bewegung setzte. Ich lernte, eine Gruppe zu organisieren, alles im Auge zu behalten und für die da zu sein, die mich brauchten. Ich lernte, zu vertrauen. Auf mich und meine Fähigkeiten.
Mit dem katholischen Glauben hatte das alles wenig zu tun. Ich ging nicht wegen der Kirche in die Kirche. Sondern wegen Pfarrer Gustl. Er war ein offener und toleranter Mensch, der sich für ökumenische Gottesdienste einsetzte und meiner Oma während der Messe eine Hostie zu ihrem Platz in der Kirchenbank brachte, und das, obwohl sie geschieden war und keine Kommunion empfangen durfte. Was für ein Getratsche das gab. Gott interessiert das nicht, sagte er nur.
Warum darfst du nicht heiraten, fragte ich ihn. Ich konnte nicht verstehen, warum er allein in einem schmalen, kargen Zimmer schlafen musste, Zölibat war mir kein Begriff. Ich dachte, er würde vielleicht keine passende Frau finden. Heirate doch die Kathi, sagte ich, Die ist lustig. Kathi war die Pfarrersköchin, sie sagte nie viel, aber sie konnte so ansteckend lachen, dass ich sie manchmal umarmen musste vor Freude. Wenn der Pfarrer ins Krankenhaus geschickt wurde, war ich der Meinung, Kathi könnte ihn vertreten. Du kannst das doch auch alles, sagte ich. Ich war naiv. Aber schon damals sprach ich die Zeile „Ich glaube an die heilige katholische Kirche“ im Glaubensbekenntnis nicht mit.
Das Ministrieren gehörte lange Zeit zu meinem Leben. In der Karwoche standen wir um 5 Uhr früh auf, Elli und ich, und drehten die riesige Ratsche vor der Kirche, weil die Glocken davongeflogen waren, es war finster und kalt, es war anstrengend, es war ein Abenteuer. Der Pfarrer öffnete dann sein Fenster und ließ uns einen Korb mit Süßigkeiten herunter, leise, damit er die Kathi nicht aufweckte. Er wusste nicht, dass sie unten an der Tür stand und uns eine Thermoskanne mit heißem Tee gab, leise, um den Pfarrer nicht aufzuwecken. Im Jänner gingen wir als Heilige Drei Könige auf Mission, stolz, für einen guten Zweck zu sammeln. Aber am liebsten waren uns Hochzeiten und Beerdigungen, da gab’s meistens ein bisschen Geld, 100 Schilling oder mehr. Dafür konnten wir und einen ganzen Haufen grüne Gummischlangen kaufen und ein neues Barbie-Kleid.
Als ich älter wurde, veränderte sich mein Blickfeld. Plötzlich nahm ich das Getuschel der Leute besser war, als ob es lauter geworden wäre, und meine Unbeschwertheit verblasste. Ich merkte, dass die Einwohner unseres 800-Seelen-Dorfs in erster Linie in die Kirche gingen, um gesehen zu werden beim Beten, um sich das Maul zu zerreißen über die anderen, nach der Messe beim Schwab, dem Kirchenwirt. Als ich mit 13 die Kirche betrat, sah ich, wie eine der Frauen mit dem Finger auf mich zeigte, und hörte, wie sie zu ihrer Nachbarin sagte: Schau sie dir an, die kleine Nutte.
Sie redeten alle. Immer redeten sie nur. Aber wenn der Pfarrer einen Zusammenbruch erlitt, wenn er operiert werden musste und wochenlang weg blieb, war keiner mehr da. Dann kam niemand, um zu helfen. Christliche Nächstenliebe nennt man das.
Ich geriet in die Pubertät und litt entsetzlich am Weltschmerz. Ich verachtete die Menschheit, und wenn ich im Fernsehen verhungernde Kinder sah, musste ich weinen. In der katholischen Kirche ist vieles nicht in Ordnung, sagte ich zu Pfarrer Gustl. Er widersprach mir nicht. Mit ihm konnte ich darüber reden – über meine Zweifel, meinen Abscheu, meine Träume. Er lachte mich nie aus. Er zeigte mir, was es bedeutet, andere Menschen zu achten und sich selbst nie zu belügen. Er machte mir bewusst, dass man wieder aufstehen muss, immer, auch wenn man so müde ist und so traurig, dass man sterben will. Er konnte das Gute sehen, in jedem Menschen, er konnte im größten Schmerz noch singen. Er brachte mir bei, dass Hautfarbe, Religion oder Herkunft kein Kriterium sind, jemanden zu beurteilen. Manchmal konnte ich es kaum ertragen, ihn so sehr zu bewundern. Dann fand ich es anstrengend, dass er immer freundlich war, nie wütend oder gehässig. Es war hart, ihn zu kennen, denn er war einer von den Guten. Und ich musste mich so verdammt bemühen, neben ihm nicht wie ein aggressiver, hässlicher Zwerg zu wirken. Ich musste wachsen. Und ich musste elendig hell strahlen, um neben ihm nicht unterzugehen.
Als ich 16 war, wurde sein Gesundheitszustand so schlecht, dass er sein Amt in unserer Gemeinde aufgab. Zusammen mit Kathi zog er in einen kleinen Ort in Tirol. Es fiel mir schwer, mich zu verabschieden, aber ich wusste, es war Zeit, zu gehen. Für ihn und für mich. Von einem Tag auf den anderen mied ich die Kirche. Wie groß das Getratsche wieder war. Ich kümmerte mich nicht darum. Ich kannte sie alle, die Heuchler. Ich hatte sie gesehen, wie sie am Boden knieten und murmelten, Durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine große Schuld, wie sie aufstanden und über ihre Nachbarn lästerten, wie sie sich hinter dem Schutzschild des Glaubens verbargen, ich hatte keinen Respekt mehr, Mitleid vielleicht.
Kurz nach meinem 18. Geburtstag ging ich auf die Bezirkshauptmannschaft und trat aus der Kirche aus. Es war kein großer Schritt für mich, denn in all den Jahren hatte ich nie eine Verbindung zum Katholizismus gespürt. Es war mehr eine Formalität, die zu Papier brachte, was ich fühlte. Ich hatte nie gesagt, Ich glaube an die heilige katholische Kirche.
Ich war überrascht von den Reaktionen in meinem Umfeld. Besonders viele junge Leute konnten kaum glauben, dass ich ausgetreten war. Dann kannst du ja nicht kirchlich heiraten, sagten sie. Und das ist auch gut so, sagte ich. Ich werde mich nicht vor den Altar stellen und versprechen, in meiner Ehe nicht zu verhüten und alle meine Kinder – und es werden dann viele Kinder sein – dem katholischen Glauben zu übergeben. Ich war auf so vielen Hochzeiten, ich kenne das Gelöbnis auswendig. Und ich gebe keine Versprechen ab, wenn ich nicht vorhabe, sie zu halten. Ich werde nicht zu den Heuchlern gehören.
Sie finden es paradox, die Leute, dass ich nach 7 Jahren als Ministrantin nichts mehr mit der Kirche zu tun haben will. Ich kann dazu nur sagen: Meine Erfahrungen sind aus erster Hand, ich nenne keine politischen, finanziellen oder hochtrabend religiösen Gründe, es sind kleine, einfache Gründe, die mit einem Einzelbett in einem kargen Zimmer zu tun haben und zwei Menschen, die sich nur platonisch lieben durften.
Es fällt mir heute schwer, in eine Kirche zu gehen, der Geruch nach Moder, Weihrauch und Schuldgefühlen macht mich traurig. Ich sehe viel falsches Blattgold in einer Kirche, Faschingsglitter, ich sehe alte Menschen, die sich eisern an die Kirchenbänke klammern, ich sehe einen nackten, toten Mann an einem Kreuz. Nur Gott sehe ich nicht. Heute weiß ich mit Sicherheit, was ich schon als Kind vermutete: Dass Gott überall ist. Nur nicht in der katholischen Kirche.

Kommentare
Sehr schöner , klarer text, gefällt mir, wenn man etwas tut, nicht wegen der Sache sondern weil einem danach ist...egal was andere sagen
23.04.2009, 00:04 von SchnakenschissDas kam mir auch immer schwerer über die Lippen. Ich bin noch nicht ausgetreten, weil ich denke, dass sich das alles von selber erledige wird - bald.
07.04.2009, 14:27 von TonSteineScherbenDie Messe besuche ich nicht, dafür die Kirche, wenn mir danach ist. Es gab hier einmal Mönche, darum strahlt der Raum irgendeine Ruhe aus, die gut tut.
Aber schön, dass du diesen Pfarrer so gut in Erinnerung behalten hast. Es gibt viele, die die Botschaft Christi leben, obwohl die Strukturen es nicht begünstigen. Das ist schön... und wundersam.
DANKE! alles andere ist schon gesagt worden...
23.09.2008, 23:27 von StockmasterHöchst amüsierend...
30.08.2008, 21:54 von kickerikiyEs soll in unserer Welt ca. 23000 (23Tsd.) Religionsgemeinschaften geben und jede nimmt sicher für sich in Anspruch den wahren Gott anzubeten. Religion ist Menschenwerk und schon allein deswegen zweifelhaft.
Wenn du jetzt noch deinen Glauben an übernatürlichen Mumpitz ablegst, dann bist du tatsächlich ein freier vernunftbegabter Mensch!
18.07.2008, 18:59 von TSTIst genauso einfach wie der Austritt aus der Kirche. Einfach die Augen auf machen und du siehst das es keine Götter gibt.
mich würde ja mal interessieren, was die kirchenverteidiger zu den ganzen verbrechen der kirche sagt. nur um mal ein paar stichworte zu nennen: aids --> verhütung, homosexualität, schwangerschafsberatung, toleranz gegenüber anderen religionen, ...
07.04.2008, 00:22 von schnuffel2504was hat das mit dem zu tun, was eigentlich gepredigt wird??? und wenn man glauben möchte, nicht aber mit der kirche übereinstimmt, soll man drin bleiben um was zu ändern?? vielleicht bin ich ja zu pessimistisch, aber inwiefern glaubt ihr denn, dass man in der kirche als einzelner von unten was ändern kann??? ich persönlich finde das naiv...
Ich war nicht nur jahrelang Ministrantin sondern hab noch dazu fünf Jahre lang im Kloster gearbeitet. Hatte durch das Ministrieren schon wenig Illusionen, aber DAS raubt einem auch die letzten.
21.03.2008, 23:25 von kesebrotHey, du hast recht :)
02.02.2008, 16:02 von systemhinweisKirche ist schon, pardon, scheiße, heuchlerisch, verlogen,
allerdings ist unser Pfarrer so arrogant, den möchte ich keiner Frau aufzwingen ^^
Ich bin auch Mini und werde dieses Jahr Maxi (das sind unsere Leiter), eigentlich hasse ich jeden anderen Maxi bei uns, aber ich will einfach nicht aufhören! Ich weiß nicht warum! Ich hoffe immernoch, dass ich da etwas ändern kann!
Und das mit kirchlich heiraten hat sich bei mir eh erledigt, weil mein Freund das nicht will. Nicht unbedingt schade drum.
Tut mir leid, dass du so eine Gemeinde erwischt hast, will nicht sagen dass wir toll sind, aber so schlimm war es bei uns wohl noch nie! (Obwohl es auch ein Wunder war, dass unser arroganter Pfarrer damals Mädels zugelassen hat...)
Auf jeden Fall danke! Dein Artikel hat meine Aufmerksamkeit für die Kirche mal wieder wachgerüttelt! Schön geschrieben!