beenerin 28.01.2008, 10:28 Uhr 101 66

Club der toten Väter

»Es gibt da einen Club. Den Club der toten Väter. Und du kannst nicht Mitglied werden, bevor du nicht dazugehörst.

Ich meine, natürlich kannst du versuchen, es zu verstehen. Du kannst mitfühlen. Aber - bevor du diesen Verlust nicht selbst erlebt hast...
Es tut mir so leid, dass du jetzt dazugehören musst.«

»Ich weiß einfach nicht, wie ich in einer Welt ohne meinen Paps existieren soll.«

»Ja, das ändert sich auch nie wirklich.«


[Frei übersetzt aus Grey's Anatomie, 3. Staffel]

Im Herbst 2002 war ich mit meinem damaligen Freund, meiner Besten und einigen Bekannten im Spanienurlaub. Die Sonne verwöhnte uns, das Wetter war heiß und trocken, die Abende lang, lau und lustig. Wir tranken spanisches Bier aus kleinen, braunen Flaschen und spielten Karten, jeden Abend, wie früher auf Klassenfahrt.

An einem dieser Abende zeigte mein Handy eine neue SMS an. Sie war von einer guten Freundin, die, so glaubte ich, daheim ungeduldig auf meine Rückkehr wartete: bereits im letzten Jahr hatten wir beide zusammen zwei Kurzfilme verwirklicht, nach meiner Rückkehr sollte der dritte folgen, und wir tauschten täglich aufgeregte Nachrichten deswegen.

In der SMS ließ meine Freundin mich wissen, dass sie leider, leider ausscheren müsse aus den Plänen, was sie sehr bedaure. So heftig betonte sie diesen Umstand - sich entschuldigen zu wollen für ihre Absage - dass ich einen langen Moment brauchte, um zu verstehen, was doch eigentlich nur zählte: ihr Vater lag im Krankenhaus, bei ihm war überraschend Krebs festgestellt worden.

Er starb am Ende des folgenden Winters. Ich erinnere mich an die Ohnmacht, wenn ich nie die richtigen Worte fand, um sie hinter ihrem abwesenden Gesichtsausdruck zu erreichen. An die riesige Wut auf die Welt, wenn sie am Telefon immer nur neue Hiobsbotschaften zu verkünden hatte. Erinnere mich besonders an eine Feier bei mir Zuhause, das hilflose Gefühl, als sie leeren Blickes mitten im Trubel abwesend auf meinem alten Sofa saß - und wie sie darin zu versinken schien. Immer schmaler wurde.

Und mein Herz warf eine große, traurige Falte, als er schließlich gehen musste. Die intensivste Erinnerung aber ist die, dass ich es nicht verstehen konnte. Wie es sein muss, seinen Vater zu verlieren. Ich konnte das nicht begreifen, es war zu groß für mich.

Im Sommer des folgenden Jahres war ich mit einer Freundin auf der Autobahn unterwegs, als wir überraschend das Ausfahrtsschild Bad Nauheim passierten. Ich schreckte zusammen, so, wie man als Kind zusammenschreckt, wenn man gegen die Warnungen der Eltern an einen Zaun greift, der leicht unter Strom steht, um die Kühe auf der Weide zu halten .

"Alles o.k.?", fragte jene Freundin in mein blasses Gesicht. "Ja. Ich wusste bloß nicht, dass - dieses Schild gerade. Das hat mich etwas erschreckt." "Bad Nauheim?", hakte sie nach und fügte hinzu, "ja, das finde ich auch immer erschreckend." Sie lachte rau. "Wieso?" war es nun an mir, nachzuhaken. "Mein Vater ist dort gestorben", entgegnete sie leise und ihr Blick schweifte in eine weiter Ferne: die mir noch vollkommen unbekannt war. Mein Vater war auch in Bad Nauheim gewesen, nach seinem Herzinfarkt; doch er hatte überlebt.

Im Sommer 2004 reiste ich mit meinem damaligen Freund in die Südstaaten der USA. Es war der letzte, ernsthafte Versuch, unsere Beziehung noch zu retten – und ausgerechnet er, dessen Planeten sonst nur um seine eigene Sonne kreisten, hatte vorgeschlagen, dass wir mein Mississippi bereisen sollten, wo ich vor fast zehn Jahren die elfte Klasse besucht hatte.

Eine Woche von vieren verbrachten wie bei einer lieben Freundin, mit der ich ein Jahrzehnt zuvor die Highschool gemeinsam durchlitten hatte. Und sie: hatte noch mehr gelitten, als ich schon längst wieder in der Heimat weilte. Schwanger mit zarten siebzehn Jahren hatten, ihr die prüden Südstaatler das Leben zur Hölle gemacht - doch sie hatte überlebt. Und wohnte nun mit ihrem Lebensgefährten, dem Sohn und ihren beiden jüngeren Schwestern im Haus ihres Vaters. Allerdings - ohne den Vater, der zwei Monate zuvor an Krebs gestorben war.

Ich erinnere mich an unsere vielen Gespräche am Tisch in der großen Küche. Sehe die Muster des dunklen Holzes vor mir, auf das ich immer öfter herabstarrte, auf meiner verzweifelten Suche nach den richtigen Worten. An meine Tränen, die mit einem leisen Platsch auf das Holz klatschten, und wie töricht ich mir vorkam – wo doch sie es war, die den Vater verloren hatte. Doch wieder überstieg die Situation meine Vorstellungskraft. Ich wollte einfach nur helfen, irgendwie! - und hatte das Gefühl, dabei doch nie übers Stammeln hinauszukommen.

"Guck doch mal", wisperte ich meinem Freund zu, wenn wir vor den Familienfotos standen, "das war an Ostern. Und sechs Wochen später - zack - ist er tot. Wie soll man das verstehen, ohne wahnsinnig davon zu werden?" Er zuckte mit traurigem Gesicht die Schultern - und da standen wir. Wortlos. Hilflos.

Weil es Dinge gibt, die man nicht begreifen kann, bis man sie nicht selbst erlebt hat. Und Situationen, in denen man auch dann immer hilflos bleiben wird, wenn man sie selbst schon durchlitten hat. Weil es Erlebnisse gibt, in denen kein Wort je weiterhelfen kann. Sondern nur stumme Gesten gegen die lärmende Stille sprechen.

»Es gibt da einen Club. Den Club der toten Väter. Und du kannst nicht Mitglied werden, bevor du nicht dazugehörst. "Ich meine, natürlich kannst du versuchen, es zu verstehen, du kannst mitfühlen. Aber - bevor du diesen Verlust nicht selbst erlebt hast...«

An einem 30. Januar wurden meine Geschwister und ich Mitglied im Club der toten Väter. Überraschend. Über Nacht. Und, wie immer: viel zu früh. Ich weiß jetzt, wie sich das anfühlt. Aber –

»Ich weiß einfach nicht, wie ich in einer Welt ohne meinen Paps existieren soll.«

»Ja, das ändert sich auch nie wirklich.«
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    Das mit dem Tod ist schlimm, vor allem wie der Tod eines nahen  geliebten Menschen passiert. Es ist für mich immer noch sehr schmerzvoll an die diese Ereignisse zu denken und sie kommen immer besonders an Beerdigungen wieder hoch es sind sehr viele Leute in letzter Zeit gestorben die ich kannte .  

    Mein Vater starb als wir (Er und Ich) am Wandern im Appenzell waren.Wir hatten kurz zuvor eine kleine meinungverschiedenheit und sprachen dann eine weile nicht miteinander,bis er plötzlich stehen blieb, ich drehte mich um meine  Hose, die ständig herunterrutschte hoch zu ziehen. Da hörte ich ein komisches Geräusch drehte mich um und er war weg, Er musste nach hinten weggekippt sein als ich nicht hinschaute und ich sah ihn wie er den steilen Hang ca. 200m hinuter ruschte.Ich konnte das nicht glauben das war so unreal so ein komisches gefühl  was ich da sah. Als ich ihn nicht mehr sehen konnte versuchte ich diesen Hang kontroliert herunter zu rudschen was mir aber nicht gelang, bis mich ein Stein sehr hart abbremste was ich von Zeit zu Zeit immer noch spüre. Ich war in seiner nähe überal lagen die Sachen aus seinem Rucksack verstreut herum ich sah Blut und ihn da liegen,er hatte tiefe Kopfverletzungen ich wusste nicht was ich tun sollte ich schrie mir die Seele aus dem Leib das ich Hilfe brauche, glücklicherweise hat das ein anderer Wanderer das ganze beobachtet und die Rega gerufen die mich dort barg aber meinen Vater nicht mitnahmen da er Tot war.Er starb in meinen Armen um 12 Uhr 15 den 30.06.1998.Meine Mutter war am arbeiten als ich ihr den tot ihres Mannes miteilen musste sie kam mich mit einen Nachbar holen und als wir Zuhause waren war die Wohnung so leer das alles so unwirklich unvorstellbar.

    Ich stand unter Mordverdacht bis ein Polizist das bestätigte was ich zu Prokol gab und die Obduktion Herzritmusstörung als grund für den Sturz verantwortlich machten mein Vater war 55. Es gibt manches was man eigentlich einander noch sagen wollte aber versäumt hat.

    Meine Mutter starb vor 3 Jahren an Lungenkrebs den 05.11.2008 sie wurde 58 wir hatten etwas mehr Zeit um Abschied zu nehmen.

    Es bleibt ein grosse Leere zurück.
    Ich habe die Erfahrung gemacht das nur ein kleiner Teil das Versteht was einem Verloren gegangen ist und was da fehlt und mit Sprüchen kommen: Das Leben geht weiter ,oder  so ist das halt und Menschen kommen und gehen  etc.

    Tolle Sprüche muss ich sagen. Nur trost geben sie nicht. Mir hilft in solchen situationen immer der Gedanken das ihnen nichts mehr geschehen kann und ihnen niemand mehr Böses kann.


    08.02.2012, 02:13 von Barracuda
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    Ich war auf der Beerdigung der Oma meines Freundes und musste die ganze Zeit weinen und fühlte mich schrecklich, unter anderem deshalb, weil ich mir vorstellte, dass meine Eltern in dem Loch auf dem Friedhof liegen. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie das ist, wenn das eines Tages Realität wird...
    Gut geschriebener Text.

    20.11.2010, 15:47 von MadElaine
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    :( ohje...wie soll ich sagen, willkommen im club! und das man dort nicht alleine ist, ist auch kein trost.

    20.01.2010, 17:27 von Kathue-tata
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    unglaublich schön geschrieben.
    er lässt verstehen.
    meine vater war nah dran, und fast wäre ich heute auch mitglied.

    17.01.2010, 20:52 von laphz
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    Aber weil ein jeder von uns weiß, wie es sich anfühlt.
    Ich habe viele Sätze gehört in der Zeit danach, besonders den hier: Die Zeit heilt alle Wunden. Und ich muss sagen: nein, man gewöhnt sich nur an den Schmerz. Und man lernt damit zu leben. Aber ändern, nein, ändern wird es sich tatsächlich nie.

    07.11.2009, 04:56 von RaYnIeDaY
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    toller text.
    Und ich bin wohl auch "Mitglied im Club der toten Väter " ..:(

    26.10.2009, 19:47 von Kruemelinchen.
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    Ich bin Mitglied seit ich 5 bin....

    12.05.2009, 15:52 von kleinerzwieback
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    Ich lass dich gehen
    Du wünsch mir alles Glück der Welt
    In diesem Augenblick
    Bist du das Einzige was zählt
    Lass dich fallen
    Und schlaf ganz einfach ein
    Ich halte Deine Hand
    Du wirst für immer an meiner Seite sein
    Du wirst für immer mein Vater sein

    12.05.2009, 10:56 von kleinerzwieback
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