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Busenwunder

Wenn ich Glück habe, werde ich vom Auto überfahren. Wenn ich Pech habe, bekomme ich Brustkrebs.

Ich sitze im Wartezimmer von meinem Frauenarzt und blättere ohne Sinn und Verstand in einer Zeitschrift herum. Der Regen prasselt an die Fensterscheibe und es will heute einfach nicht hell werden. Um mich herum sitzen ausschließlich Frauen mit überrunden Bäuchen - die Herren der Schöpfung müssen auf Ansage der Schwester stehen. „Na toll“, denke ich. „Ihr bekommt Kinder - ich bekomm Krebs!“ Was besseres fällt mir nicht ein.

Auf meiner Krankenakte steht ein großes rotes Ausrufezeichen. Das ist wohl praktischer als das Wort „Risikogruppe“ drauf zu schreiben. Bei meinem ersten Besuch in der Praxis kam schnell die obligatorische Frage „Gibt es Fälle von Krebs in Ihrer Familie?“ Ja, die gibt es. Jede Frau über 35 in meiner Familie hatte schon mal das Vergnügen. Krebs ist mein zweiter Vorname. Ich weiß mehr über Chemotherapie als über die Pflege von Zimmerpflanzen. Als ich mit meiner Aufzählung fertig bin, suche ich im Blick meines Arztes nach einer Spur von Mitleid. Zu meiner Erleichterung finde ich keine. „Sie wissen, dass Sie zu einer Risikogruppe gehören?“ Ja, auch das weiß ich. Und ich hoffe, dass Sie mir jetzt nicht vorschlagen, an einer Studie zum Brustkrebs-Gen teilzunehmen. Dann müsste ich Sie nämlich auf die lange Liste von mir verlassener Frauenärzte setzen. Er sagt nichts in diese Richtung, sondern holt nur einen dicken roten Stift aus einer Schublade und malt das Zeichen, das ich von nun an bei jedem meiner Besuche anstarren werde.

Die Zeit dehnt sich, die runden Bäuche werden nicht weniger, nur der Regen wird stärker. Ich blicke durch das Wartezimmer, ob mich jemand anschaut. Dann taste ich vorsichtig nach meiner linken Brust. Vielleicht ist er ja verschwunden. Aber durch meinen dicken Pullover lässt sich gar nichts fühlen. Ich verschwinde auf die Toilette, wo ich feststellen muss, das er noch da ist, wo ich ihn vor zwei Wochen gefunden hab. Als ich ins Wartezimmer zurückkehre, steht die Sprechstundenhilfe vor mir: „Sie können jetzt zum Doktor reingehen“ ertönt es aus Ihrem Mund und ihre Augen sagen: „Armes Kind!“ Sie kennt meine Akte. Sie weiß, dass ich besser schon vor zwei Wochen hätte herkommen sollen. Dann legt sie mir die Hand auf die Schulter, fast als wolle sie mir noch ein „Alles wird gut!“ mit auf den Weg geben. Aber die Geste, die mich eigentlich beruhigen und wärmen sollte, lässt mich nur erschaudern und Übelkeit steigt in mir auf.

Meine Mutter sagte mal zu mir, dass sie sich das mit den Kindern vielleicht anders überlegt hätte, wenn man damals schon so viel über DNA gewusst hätte. Ansonsten nehmen wir das Thema in unserer Familie mit Humor - außer wenn es ernst wird. Das Ende der Chemotherapie von meiner Mutter feierten wir mit einem rauschenden Fest, zu dem ich Wackelpudding-Brüste mit kleinen Fruchtstückchen zum Rausschneiden zauberte. Nicht alle konnten darüber lachen. Wir schon. Wir hatten ja auch lange nichts zu lachen gehabt.

Ich betrete das Wartezimmer und meine Übelkeit wird stärker. Nach einem kurzen Wie-geht‘s-Gespräch beginnt der Arzt mich konzentriert abzutasten. „Mhm“, sagt er zweimal und dann: „Ja, da ist was.“ Ja, da ist sogar ne ganze Menge. Kälte und Angst zum Beispiel. Und ungefähr tausend Fragen. Was mach ich denn jetzt? Wie soll ich das meiner Mutter erklären? Wie lange kann ich wohl meiner Arbeit fernbleiben? In den letzten zwei Wochen hatte versucht alles herunterzuspielen. Komm schon, hatte ich mir eingeredet, das wäre nicht der erste Fehlalarm. Doch jetzt ergreift mich die Panik mit voller Wucht.

Ich denke an meine beste Freundin aus meiner Schulzeit. Auch sie war genetisch nicht ganz unvorbelastet. Kein Brustkrebs - viel schlimmer. Ihr Vater erkrankte zur gleichen Zeit wie meine Mutter. In unserer Angst wussten wir keinen anderen Ausweg als den puren Sarkasmus. „Die Renten sind nicht sicher? Uns doch wurscht“, sagten wir häufiger. Wir wurden viel gemieden in dieser Zeit - auch von engeren Freunden. Wir waren die mit den Eltern, die vielleicht sterben würden. Wir waren die, die sturzbetrunken auf Parties lautstark peinlich beklemmende Reden schwangen. Niemand konnte damit umgehen. Wir selbst schon gar nicht.

„Es fühlt sich an, wie eine normale Verhärtung, aber wir machen zur Sicherheit noch einen Ultraschall.“ Er sagt das ganz sachlich. Bevor er sich nicht sicher ist, will er keine Hoffnung entstehen lassen. Das komische Glibber-Gelee ist wie immer kalt, als würde es direkt aus der Tiefkühltruhe kommen. Das Ding, dessen Namen ich nicht kenne, fährt über meinen Oberkörper, während es immer piepst, wenn mein Arzt eine Aufnahme speichert. Wieder höre ich nur „Mhm“ von ihm. Als er fertig ist, säubert er er das Dingsbums und drückt mir dann eine Kleenex-Box für den Glibber in die Hand. „Tja“, sagt er, während er mit dem Stuhl von der Apparatur zurückrollt. Sein „Tja“ dehnt sich in pure Unendlichkeit. Alles in meinem Körper verkrampft sich. „Wirklich nur eine normale und harmlose Verhärtung.“ Die Luft, die sich seit gefühlten Stunden in meinen Lungen gesammelt hat, platz unter lautem Zischen aus mir heraus. „Das Gewebe sieht wunderbar aus. Ich bin wirklich sehr zufrieden mit Ihren Brüsten.“ Er lächelt. „Ick och!“ platz es aus mir heraus und wir müssen beide lachen.

Als ich das Sprechzimmer verlasse, blicke ich in die besorgten Augen der Sprechstundenhilfe. „Und?“ Ich grinse wie ein Honigkuchenpferd. „Alles in bester Ordnung“, singe ich mehr als das ich es sage und in meiner Stimme schwingt eine kleine Portion Stolz mit, als hätte ich vom Herrn Doktor gerade eine Eins bekommen. Das erleichterte Ausatmen der Schwester rührt mich.

Ich verlasse die Praxis und blicke gen Himmel. Genau in diesem Moment teilen sich die Wolken und die Sonne kommt heraus. Ich will gerade noch denken „Gott, wie kitschig!“, da spüre ich, wie die unterdrückte Angst und Panik der letzten Tage von mir abfällt und ich endlich wieder Luft bekomme. Ich fange an zu weinen.

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71 Antworten

Kommentare

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    Bis heute sind wir auch immer mit Humor an die Sache rangegangen... Was macht man, wenn es ernst ist??...

    13.07.2011, 19:59 von Lellop
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    Du, das ist echt geil! Ich kenne das so gut wie Du Dich fühlst! Schreib Dir ne PN und finde Deinen Textx großartig!

    30.09.2010, 12:57 von everlong_51209
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    gut gemacht..
    kann mich den anderen nur anschließen

    03.09.2010, 18:44 von akym
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    Guter Text. Wirklich. Ich bin bloß grad zu müde für Enthusiasmus.

    Gute Nacht

    01.04.2010, 23:16 von teleneo
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    man war ich erleichert am ende ...
    wirklich gut!

    04.02.2010, 20:37 von Saebelzahnbanane
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      @Saebelzahnbanane schreib weiter. schreib mehr. schreib.

      27.02.2010, 22:33 von sommer-haus
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    Wirklich gut geschrieben!
    ....und ich hatte Pech ;)

    03.01.2010, 23:29 von bluestone
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    Ein klasse Text. Sehr emotional, hat mich wirklich berührt!

    22.08.2009, 19:29 von Chuckie
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Toller Artikel. Wenn er nicht erfunden ist,
    gibt es allen Grund zur Freude...

    ...

    21.07.2009, 14:36 von Alexander13
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    Wunderbar.Freut mich, dass es nichts ernstes war!!
    super schöner text!!

    07.05.2009, 15:37 von Dina-Lisa
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