Phpz 19.09.2009, 21:38 Uhr 36 37

Bundestagswahl 2009

Eigentlich wollte ich es ja nie soweit kommen lassen. Aber nun ist es passiert: ich habe mich informiert.

*Früher hätte es in Zeiten von Wahlen gereicht, einen einfachen und schnellen Blick auf die Familien-Chronik zu werfen:
Eltern: geschieden
Vater: Chefarzt
Mutter: Hausfrau
Ich: 17. Semester BWL
Heimat: Schwaben
Dann hätte es gereicht, sich sonntags auf dem Weg in den Kindergarten seines Wahlkreises zu überlegen, wo man sein Kreuzle zu setzen hat. Die Zeiten sind vorbei, zumindest für mich. Früher, also vor der Krise, konnte ich meine begrenzte Entscheidungsfreude ganz auf die Auswahl des richtigen Kreditinstituts oder Automobilherstellers fokussieren. Politik-Gedönse fand eher außerhalb meiner Realität, höchstens aber bei Anne Will oder Sabine Christiansen statt. Soll heißen, dass mich die Bundestagswahl eher weniger beschäftigt hat – von der noch wichtigeren Wahl des Europaparlaments fang ich mal gar nicht erst an. Doch jetzt herrscht Krise. Und mit der Krise heißt es plötzlich, dass die Politik verschärft in die Geschehnisse bei Kreditinstituten und Automobilherstellen eingreifen will oder gar eingreifen muss. Und ohne etwas dagegen tun zu können, stehen diesseits meines Entscheidungshorizontes plötzlich Politiker und bitten um Aufmerksamkeit. Für’s Protokoll: Die sind zu mir gekommen! Man kann sich ja vielen Dingen entziehen: der GEZ, Beziehungen, Abschluss des Studiums etc., etc.. Aber in dieser Kiste steckt man einfach mit drin, ob man will oder nicht. So muss auch ich den Spitzenkandidaten auf den Programmbroschüren ins Auge, und damit unweigerlich auch in einen Abgrund blicken.

Die Christlich Demokratische Union – CDU
Von meinem Großvater sind zwei politische Äußerungen überliefert. Die eine lautet: „ Alles Gauner!“ Die gab er all abendlich während der Tagesschau von sich. Die andere gab es nur alle vier Jahre, wenn Opa, entsprechend zur Wahl Helmut Kohls zum Bundeskanzler, seine Stimme abgab: „Der Bundestagswal heißt Helmut Kohl.“
Sich durch Politiker von vorgestern für Parteien von gestern begeistern zu lassen fällt schwer. Ich bin überhaupt schon lang dafür, dass die sich die Junge Union in Junge Senioren umbenennt. Ehrlicher wäre es. Und bei allem Respekt und Verehrung gegenüber Angela Merkel: leider sind ihre Mundwinkel das einzige, was in der CDU eine konkrete Richtung vorgibt.

Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands - SPD
Bei der SPD habe ich grundsätzlich die Bedenken, dass ich mich verwähle, dass ich mein Kreuz aus Versehen falsch setze und eigentlich die Linke habe wählen wollen (siehe auch Die Linke). Mit Frank-Walter Steinmeier an der Spitze hat sich die Farbe der SPD von rot nach grau bewegt und die Parolen lassen sich auf eine Kern-Botschaft verdichten: „An dem ganzen Mist sind die Koalitions-Kollegen der CDU schuld. Nie wieder Koalition.“ – Dann wählt Euch am besten nicht selbst.

Bündnis 90 / Die Grünen
Die Grünen sind der wahre Grund, warum die Polizei versucht, auf blau umzusteigen. Es soll vorgekommen sein, dass es auf Anti-Atomkraft-Demonstrationen zu Missverständnissen kam und sich die Polizeikräfte versehentlich gegenseitig verprügelt haben – nur mit Not konnten grüne Friedensaktivisten die Krawallbrüder wieder voneinander trennen.
Die Grünen wählt man eigentlich nur, wenn man wirklich auf Nummer sicher gehen will, und nix falsch machen möchte. Was ist an Umweltschutz schon auszusetzen? Das einzige was mich an den Grünen stört ist, dass sie alle Atomkraftwerke sofort abschalten wollen, ohne überhaupt zu wissen, wohin der ganze Müll soll. Gelbe Säcke helfen da auch nicht wirklich weiter (siehe auch FDP).

Die Freie Demokratische Partei – FDP
Umweltschutz à la FDP sieht ungefähr so aus, dass der Besuch von öffentlichen Zoos der Einfachheit halber für alle gleich teuer ist. Die FDP ist für die Vermarktlichung staatlicher Einrichtungen und gegen alles was Geld kostet, aber keine Rendite bringt. Die einzige Geldverschwendung welche die FDP billigt, ohne eine entsprechende Rendite zu erzielen, ist der eigene Wahlkampf. Im Grunde genommen ist die FDP so was wie der Lafo-Trafo: denn sie ist es, die den Polemik-Motor von Oskar Lafontaine und Der Linken mit Saft versorgt (siehe mal wieder Die Linke).

Die Linke
Bei der Linken habe ich grundsätzlich die Bedenken, dass ich mich verwähle, dass ich mein Kreuz aus Versehen falsch setze und eigentlich die SPD habe wählen wollen (siehe auch SPD). Die Linke will alles abschaffen was irgendwie über Kapital verfügt. Dieses ehrgeizige Vorhaben soll nach Vorstellungen der Linken von den sogenannten „Reichen“ finanziert werden.
Der Begriff „Reiche“ ist leider trennungsunscharf, weswegen ich mir erlaubt habe, eine kleine Daumenregel zu entwickeln: „Reich ist der, der irgendwie von irgendwas, was in deinen Augen wünschenswert ist, mehr hat als Du.“
Spätestens wenn der Klassenkampf gewonnen ist und alle endlich gleich wenig haben, gerät Die Linke in ein Existenzproblem. Aber hier steht Die Linke der klassischen Politik in nichts nach und überlässt dieses Problem zukünftigen Generationen. Die Linke scheint für die FDP so etwas wie das Ying zu sein – vielleicht aber auch das Yang (siehe erneut FDP).

Die Christlich Soziale Union – CSU
Nur in Bayern wählbar. Der dreckige Rest muss sich mit der CDU zufrieden geben. Die Bundestagswahl 2009 könnte der letzte Auftritt der CSU auf Bundesebene sein – vorausgesetzt die Bayernpartei wird stärkste Fraktion im Bundestag (siehe auch Bayernpartei).

Die Bayernpartei
Die Kernforderung dieser Gruppe ist ein „selbstständiger bayerischer Staat in einem europäischen Staatenbund“. Die sind wie die CSU, nur ehrlicher.

Die Partei Bibeltreuer Christen – PBC
„What would Jesus do?“ Da Jesus als israelischer Bürger in Deutschland nicht wahlberechtigt ist, stellt sich diese Frage nicht.

Die Partei Freie Wähler Deutschland – FWD
Im Gegensatz zu den Wählern der anderen Parteien, steht es den Wählern der FWD frei, die FWD zu wählen oder es zu lassen.

Die Ökologisch-Demokratische Partei – ÖDP
Die Partei würde bedeutend besser abschneiden, wären 80% der für sie abgegebenen Stimmzettel nicht immer ungültig. Würden die Anhänger dieser Partei nicht ständig die unbenutzten Wahlzettel vergangener Wahlen aufheben und bei späteren Wahlen abgeben, würde sich diese politische Gruppierung mit Sicherheit im Bundestag wieder finden. Aber naja, glaubwürdig ist so ein Wahlverhalten allemal!

Rentner-Partei Deutschland, sowie Renterinnen und Rentner Partei
Braucht man sich eigentlich nicht mit zu beschäftigen. Soweit ich weiß, dürfen Rentner in Deutschland seit 1998 nicht mehr wählen, da die schiere Größe dieser Wählerschicht das Wahlergebnis zu stark beeinflusst. Außerdem wäre Helmut Kohl noch immer Kanzler.

Die Piratenpartei Deutschland
Die Piraten haben wie jede Modeerscheinung ihren Platz in der öffentlichen Wahrnehmung verdient. Die Ein-Themen-Partei trifft mit ihrer Forderung nach einem anonymen und digitalen Allerlei für umme und jedermann absolut den Nerv der Zeit. Da sich meiner Meinung nach jedoch Computer und Internet auf Dauer nicht durchsetzen werden, werden auch die Piraten über kurz oder lang unbemerkt ihre Segel streichen. Das wird so wie mit den Autos, oder erinnert sich etwa noch jemand an die Partei Deutscher Autofahrer? Von den Piraten wird man dann höchstens noch vor den Küsten Somalias etwas zu hören bekommen – sofern es da Internet geben sollte.

Die Violetten
Mit der Partei für spirituelle Politik konnte ich zuerst nicht so viel anfangen, bis mir eine Bekannte erzählte, dass lila die Farbe der sexuellen Frustration sein soll. Und da ich lila nur schwer von violett unterscheiden kann, war der Groschen damit gefallen. Von der Seite aus betrachtet, wundert es einen auch nicht, dass die Partei nur in Baden-Württemberg und Bayern zur Wahl steht. Naja, in Berlin kann man sie auch wählen. Aber das liegt an den ganzen Schwaben, die Prenzlauer Berg besetzt halten.

Volksabstimmung – Ab jetzt .... Bündnis für Deutschland, für Demokratie durch Volksabstimmung
Wählen gehen um wählen zu gehen .... finde ich zu kompliziert.

Das Allerletzte: Rechts – NPD, REP und DVU
Da in den Wahllokalen keine braunen Kugelschreiber ausliegen, halte ich es frei nach Udo Walz: „Glatzen sind nicht tragbar.“ Ich weiß zwar nicht was ich wählen soll, aber ich weiß genau, dass man bei diesen Vereinen auf den Wahlbögen weder Haken noch Kreuz setzen darf!

Die Fülle an Informationen hat mich nur noch mehr verwirrt und mir neben viel Frust eigentlich nur Lust auf ein ehrliches, weil kühles, Bier eingebracht. Wenn ich es, wider Erwarten, tatsächlich schaffen sollte, mich vor lauter Einblick und Übersicht für ein Lager zu entscheiden, dann mach ich drei Kreuze – im übertragenen Sinne versteht sich. Aber noch überwiegt die Verwirrung. Die nächsten sieben Tage werden hart. Eines aber habe ich wenigstens gelernt: Zu viel Information kann in Diskussionen die Fantasie gehörig einschränken. Zu wenig Information erlaubt es einem hingegen, sich in einer Diskussion voll seinem ehrlichen, weil kühlen, Bier hinzugeben.

Geht wählen, zum Wohl.

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36 Antworten

Kommentare

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    Wenngleich Immanuel Kant sein kleines Nest Königsberg nie wirklich verlassen hat, so hatte er aber zumindest einen weiten horizont. Drum ist und bleibt seine parole: „Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ – immer noch aktuell.
    Lese ich überschriften, wie die zu diesem artikel, scheint die erinnerung an diese alten und doch aktuellen schlauen parolen, notwendig zu sein.

    18.12.2009, 10:48 von istmirdochegal
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    schade, dass es die appd nicht mehr gibt, die hätten sich aktiv für dein recht auf bier eingesetzt.
    der text ist mir zu platt und lustig ist er in meinen augen auch nicht.

    28.09.2009, 14:13 von NoAndiNoPartEy
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    Der Beitrag ist tip tp und ich habe ihn mit Begeisterung gelesen.

    26.09.2009, 12:44 von Flacky
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    der beitrag ist tip top und ich habe ihn mit begeisterung gelesen

    26.09.2009, 12:44 von Flacky
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    deswegen: selbst aktiv Handeln...
    direkt - deliberativ - für eine Moralisierung und Re-demokratisierung

    25.09.2009, 11:51 von Sundancer
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    „Jepp. Fantastisch. Politik ist Satire! Ich wähle ja auch grundsätzlich nicht nach Inhalten, sondern danach worüber ich am meisten lachen kann!“

    Genau ... lachen nicht aus Verzweiflung, als Ventil, nein, aus purer Fröhlichkeit und guter Laune. Da bin ich schon wieder so eine komische Ausnahme ... wenn man den Umfragen glaubt wird schwarz-gelb ja dran kommen. Was macht denn bei denen gute Laune ? Steigende Arbeitslosenzahlen ? Oder die anderen unzähligen vergurkten Sachthemen, die immer ganz zufällig mit Mehrbelastungen für die Bürger enden ? Mir nicht. Aber die fröhliche Masse muss es ja schön finden, sonst würde sie sie ja nicht wiederwählen.
    Na ja, irgendwie habe ich da wohl was nicht verstanden mit dem Humor. Oder war Humor, wenn man trotzdem lacht ? Na, ich weiss nicht so recht :- )

    23.09.2009, 13:36 von Cyro
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    Jepp. Fantastisch. Politik ist Satire! Ich wähle ja auch grundsätzlich nicht nach Inhalten, sondern danach worüber ich am meisten lachen kann!

    22.09.2009, 21:08 von Haribo
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    Auch ohne die Einladung zum entspannten Bierchen schon sehr sympatisch. :-)

    22.09.2009, 13:06 von LudwigMartin
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    DANKE DANKE DANKE
    dafür ist die startseite da.

    was ich jetzt wähle? eeeeeeeeeeeehm...

    22.09.2009, 13:00 von juhulia
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    Bei bestimmten Themen bin ich bierernst drauf, auch so beim Thema Wahlen. Wenn wir die Wahl haben zwischen einer Politik zu Ungunsten der Masse, von Altersarmut, sozialem Abstieg und so manch anderen aus meiner Sicht unerwünschtem und unverantwortlichem, oder dem Gegenteil davon.

    Doch Ehre wem Ehre gebührt ... eine nette kleine realitätsnahe Satire. Zeit, um mal nicht zu diskutieren, sondern entspannt ein kühles Bier zu trinken.
    Wenn allerdings die Leser jede Zeile in dem Artikel ernst nehmen ... da dann weiss ich nicht ob das mit der Entspannung klappt. Da reicht kein einzelnes Bier ... dann mach ich ein Fass auf !
    Trotzdem erstmal:
    Prost. :)

    22.09.2009, 12:34 von Cyro
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