hib 02.06.2008, 10:47 Uhr 82 114

Bitte geh nicht

Alles machen sie richtig, sofern man das sagen kann. Alles tun sie, was in ihrer Macht steht.

Zwei treffen sich zufällig an einer Kreuzung ihrer Wege und haben bis dahin nur sich selbst und unter sich einen Weg. Zwei sind zufällig zur selben Zeit am selben Ort und beschließen, ab sofort nichts mehr weiter zu brauchen, als einander.

Die beiden halten sich von nun an stets an den Händen oder gehen zumindest dicht hintereinander, halten sich mit den festen Blicken oder ziehen sich am Rockzipfel einander nach. Die beiden lassen sich nicht mehr aus den Augen, was nichts anderes bedeutet, als dass sie beschließen, dem Rest gegenüber blind zu werden.

Sie beginnen allmählich damit, ihre Mauern einzureißen und aus deren Steinen sich einen Bunker für ihre Herzen zu bauen. Sie verlassen die Welt, die sich dreht und bauen in ihrem Keller eine, die in Ruhe und Halbschatten fest steht.

Die Liebenden machen mit ihren Körpern das, wofür diese einst gemacht wurden – sie schlagen große Funken für den großen Flächenbrand und werfen sich in die Glut, damit es nicht aufhört, das große Leuchten. Die Liebenden erschaffen sich eine neue Liebe, eine die beständiger wächst, als Ersatz für die andere, die so schnell durch die Wolken bricht und nicht mehr höher kommt.

Diese Menschen verkaufen die Heiligkeit des empfundenen Moments an das Vage der Zukunft. Die Menschen können das nur, wenn sie nicht länger nur an sich denken und an ihre nackte Sehnsucht nach dem Leben, das sich im Augenblick offenbart.

Manche greifen zur Sicherheit nachts neben sich und sind erleichtert über das müde Fleisch auf der anderen Seite des Lakens, das sich nicht bewegt hat, während sie fort waren. Manche sagen sich in jeder Stunde mindestens ein paar Minuten lang das, was man niemals ganz und gar sagen kann und erfreuen sich ein paar Sekunden am gelernten Klang der Worte und deren fliegendes Echo zwischen Rippen und Rücken.

Andere stecken sich identische Ringe an die Finger, damit sie sich unter vielen Gleichen im Gedränge wieder erkennen. Andere ziehen in abgeschiedene Gegenden, die nicht von Lebensadern durchzogen sind, damit sie die lebendige Versuchung nicht finden und fortreißen kann.

Alles machen sie richtig, sofern man das sagen kann. Alles tun sie, was in ihrer Macht steht.

So ergreifen sie mit feuchten Händen und zerbeulten Hälsen die Gelegenheit, begeben sich mit wackeligen Knien auf den Weg und machen Schlängellinien hinter sich in den Staub. So sitzen sie inmitten von warmer Juliluft auf einem Dach über der Stadt, berühren sich an den Schultern und mit den Köpfen und schauen entrückt auf ihr funkelndes Reich, das hinter der Regenrinne beginnt und das sie mit bloßen Herzen niedergerungen haben. So schaukeln ihre grauen Schläfen die rosigen Enkelkinder in den Schlaf, während draußen im Dünengras die Dämmerung heran rauscht. So blicken sie mit trüben Augen in ein Buch voller Bilder von bekannten Gesichtern, das ihnen beweist, dass sie Recht behalten haben, all die ganzen Jahre über.

Und doch liegen sie sich irgendwann morgens mit den Vorderseiten ihrer Köpfe gegenüber und schauen sich über die Kissen hinweg lange in die Lebenszeichen aus buntem Kristall. Und begreifen, dass ihre größte Gemeinsamkeit das ist, was sie schließlich doch auseinander reißen wird. So fest sie auch sich halten mit ihrem Glauben. So sehr sie es auch anders wollen, so wenig können sie etwas dagegen tun.

„Bitte geh nicht“, hört man sie flüstern. Doch sie können sich nichts versprechen.

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    Sehr viel Raum für die freie Interpreationsmöglichkeit.

    Ich hab viele gefunden, danke dafür.

    Und ein wunderschöner Schreibstil.

    Danke nochmals.

    20.04.2009, 23:15 von Tis
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    Die Liebenden machen mit ihren Körpern das, wofür diese einst gemacht wurden – sie schlagen große Funken für den großen Flächenbrand und werfen sich in die Glut, damit es nicht aufhört, das große Leuchten --- wunderschön...
    .
    So sehr sie es auch anders wollen, so wenig können sie etwas dagegen tun.--- unglaublich traurig....

    01.04.2009, 15:52 von zip-zirip
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    Virtuos. Ich kauf mir dein Buch.
    Und gründe einen Fanclub - oder gibts den auch schon?

    05.10.2008, 02:37 von Zio
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    wow, sehr wunden punkt erwischt.
    "So ergreifen sie mit feuchten Händen und zerbeulten Hälsen die Gelegenheit..."
    ich sag mal "die schönheit der chance".

    24.09.2008, 20:38 von sophietrauer
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    Ich möchte gerne was zum Kommentar von Fühlmal sagen. Da das schon ne weile Herr ist:

    tatsächlich wundert mich auch ein wenig, wieviele dieser jungen neonspunde meinen, diese im letzten akt (und gleichzeitig diesen letzten aller akte) beschriebene situation wiederzuerkennen oder schon durchlebt zu haben. habt ihr tatsächlich schon euren geliebten an den tod verloren, am enden eines lebens oder mittendrin?

    Ich glaube bei solchen Texten geht es doch darum für sich eine Parallele zu dem beschriebenen zu ziehen . Ich denke, dass Alter ist in dieser Situation doch eher nebensächlich. Auch wenn man vielleicht nicht seine Liebe an den Tod verloren hat, besteht doch die Möglichkeit einen geliebten Menschen verloren zu haben, ob durch den Tod oder durch etwas anderes.
    Ich denke, hier geht es um Schmerz und ich halte es für nebensächlich, wie dieser hervorgerufen wird, denn macht es diesen Schmerz den leichter?.

    15.08.2008, 10:53 von fraudingdong
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      @fraudingdong genau so ist es.

      im allgemeinen geht es um die vorbestimmte endlichkeit. wie auch immer sich diese äußert.

      was es für den autor bedeutet, ist bewußt offen gelassen.

      18.08.2008, 10:44 von hib
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    So, ich habe jetzt alle Texte von dir gelesen, meine Firma nur unnötig Geld gekostet und bevor ich jetzt der Fairness halber Feierabend mache, lass ich dir noch ein paar kurze Worte da. Das zumindest ist man jemandem wohl schuldig, der die Gabe besitzt, Dinge die einen selbst beschäftigen, dermaßen ausdrucksstark und künstlerisch in Worte zu fassen. Gerade hier, wo man leider so viele klischeeüberladenen Texte zum Thema Liebe liest.
    Wann kommt dein Buch?Ich warte gespannt.
    Liebe Grüße.

    04.08.2008, 15:30 von Niniel82
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    Du hast hier die Gefühle atemberaubend in Worte gefasst. Ich bin beeindruckt :-)

    31.07.2008, 12:41 von unfinished2008
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