sophietrauer 27.04.2009, 16:04 Uhr 43 84

Beziehungskiste

Wir sind ein gutes Team. Aber jetzt stehen alle Zeichen auf Trennung. Es fühle sich einfach richtig an, sagt er, und ich weiß, dass er Recht hat.

Seit fünfeinhalb Jahren leben wir zusammen, teilen Milchpackungen, Sorgen, die Zeitung, durchzechte Nächte, die Leidenschaft für Tatort-Sonntage und Picknick im Hof, kleine und große Erfolge, die Zufriedenheit mit banalen Alltagsritualen und auch das Stöhnen und Seufzen, das ab und zu aus zerwühlten Laken aufsteigt.
Jetzt hat er eine seiner vier Pastaköstlichkeiten bereitet und irgendwie ist das dunkelste Kapitel unserer gemeinsamen Zeit in das Gespräch geschlichen. Alle Zeichen stehen auf Trennung.
Es fühle sich einfach richtig an, sagt er, und ich weiß, dass er Recht hat. Dass er hier keine Arbeit finden werde, sagt er, und ich habe gerade einen Job an der Uni bekommen. Dass er diese Frau liebe, sagt er, und ich verstehe schon.

Mit Anfang zwanzig haben wir beschlossen, es gemeinsam zu versuchen. Haben uns wie Kinder in das Abenteuer gestürzt, bald schon die perfekte Wohnung gefunden und den höllisch heißen Sommer abwechselnd über dem Parkettschleifer und in der brütenden Redaktion verbracht. Uns im Baumarkt gestritten, beim Tapezieren versöhnt, um das Themenbad gerungen, recht schnell Zuständigkeiten abgesteckt und die Macken des jeweils anderen lieb gewonnen. Nach Hause zu kommen war für mich plötzlich viel heimeliger als jemals zuvor.

Wir sind ein gutes Team. Großmeister im gemeinsamen Schweigen. Nicht minder begabt im Smalltalk, der halt so anfällt, wenn einem gerade nach Reden, ohne etwas zu sagen, ist. Verbales Abspacken und staubtrockener Humor sind auch im Repertoire. Und das Allerbeste: Ohne große Anstrengungen hat er es immer geschafft, meine Trübsal zu verscheuchen, mich im richtigen Moment zum Lachen zu bringen oder in Ruhe zu lassen. Und nie hat ein Mann in meinem Leben so großartig direkt Zuneigung, Traurigkeit oder Mitgefühl geäußert.
Seine entspannte Art hat auf mich abgefärbt, ob er auch etwas von mir angenommen hat, inzwischen? Ich wüsste nicht, was. Aber ein bisschen hoffe ich es doch. Zumindest kriegt er jetzt, während mein Putzfimmel über die Jahre gewaltig gedämpft wurde, ab und zu Anfälle, in denen er alle Fenster wienert und den Wasserkocher entkalkt.
Während der härtesten Abschlussarbeitsphase hat der Anblick von uns zwei zerstörten Gestalten an der „Brain Station“ – dem mit Laptops, Kaffeetassen und Kopien übersäten Küchentisch – alle Besucher zum Lachen gebracht und uns Mut gemacht.

Aber spiele ich nicht seit Jahren schon mit der Idee, einen Neustart zu wagen, mich von dem gemeinsamen Nest, in dem man so schrecklich bequem wird, zu verabschieden? All der eingespielte Krempel, den man über die Jahre aufhäuft, kann einem so sehr den Blick auf den, der man selbst in der Zwischenzeit geworden ist, versperren. Und verpasse ich nicht vieles, während andere wild umherziehen, verschiedene Lebensentwürfe anprobieren wie shoppingwütige Teenager die Tops bei H&M und wirklich austesten, mit welchen Menschen sie am besten funktionieren? Aber ich verabschiede mich nicht gern von Gewohnheiten, Orten oder wichtigen Menschen. Ich halte all zu gerne fest an dem, was ich habe. Zu gerne? Vielleicht.

Mehrfach sind wir getrennte Wege gegangen. Er hat Südamerika mit dem Rucksack erobert, ein paar Monate in Berlin gearbeitet, später musste ich für ein Praktikumssemester weg. Jedes Mal war da eine kleine unvernünftige Sorge, dass in der Zwischenzeit jemand auftaucht, der einem den Rang abläuft. Und jedes Mal waren wir unheimlich froh, einander wieder zu haben.
Als ich zuletzt ein Vierteljahr in Indien gearbeitet habe, war da schon die Angst, bei meiner Rückkehr ein leeres Zuhause zu finden, ohne ihn. Es ließ sich schon vor der Abreise nicht mehr leugnen, dass wir nicht ewig so weiter machen können. Manchmal habe ich mich dabei ertappt, dass das eingespielte Beisammensein schon sehr nach Abschied schmeckte, und sentimentale Erinnerungen plötzlich bedrohlich wichtig wurden.
Aber riesig war die Erleichterung, dass er noch da war, noch ganz der Alte war, als ich wiederkam und selbst keine Erleuchtung oder Erschütterung erfahren hatte, außer einem weiteren Beleg dafür, dass ich weiß, wo ich hingehöre. Hierher. Und dazu gehört er – bisher.

Jetzt ist es raus, im Juli oder August wird er seine Sachen packen. Ein kleiner Aufschub nur, um noch ein bisschen zu genießen, wie schön wir es hier haben.
„Lass uns Freunde bleiben“ denke ich, und muss müde grinsen über diese Idee. Siebenhundert Kilometer und null gemeinsamer Alltag werden das nicht eben leicht machen.

Verrückt auch, dass seine Freunde und seine Familie aus meinem Blickfeld verschwinden werden. Oft genug hat die durchdringende Lache seiner Mutter mich im Morgengrauen genervt, oder seine Kumpels, wenn tief in der Nacht noch Pokerchips und Kronkorken laut kommentiert durch die Gegend flogen. Aber so ganz ohne... ? Bäh, ich bin wirklich arg sentimental, jetzt schon.

Unsere Kiste hat schon einige Abteile. „Home sweet home“ oder „Wir sind sauer aufeinander, aber sitzen es aus“ oder „Wir feiern unsere Lethargie“ sind in paar der Etiketten. Alberne Fotos, Rezeptkreationen, geflügelte Worte und auch ein Paar Krücken und Scharten in Möbeln sind da einsortiert.

„Wir müssen noch eine große Party schmeißen, bevor ich gehe.“ sagt er, und ich überlege, wie wohl der nächste Herbst hier wird. Anders jedenfalls, vielleicht neu und aufregend, vielleicht einsam und langweilig.

Die Lücke, die er hinterlässt, zu füllen, ist schier unmöglich. Andere werden da sein, klar, aber ich bin vielleicht zu selbstbewusst, zu alt oder zu faul, um noch einmal diese Art von Familienersatz zu suchen.

Eine klitzekleine Hoffnung keimt jetzt auf, dass im Juli die Kiste noch nicht zugeklappt und hinten im Schrank verstaut wird. Ein paar Zugtickets, Fotos von seinen Kindern und ein Glas Wein Jahrgang 2030 auf die alten Zeiten würden noch gut hineinpassen. Schauen wir mal. Erst einmal: Alles Gute, du weltbester Mitbewohner!

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43 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Wahnsinn, wie sehr einem der Kopf da falsch mitspielt. Beim ersten Lesen stehen alle Zeichen auf Beziehung mit einem Partner und man ist trotzdem erleichtert, am Ende "nur" den Mitbewohner zu erkennen.
    Liest man sich das ein zweites Mal durch fällt es einem ganz klar auf, dass es "nur" um einen Mitbewohner geht.
    Super geschrieben!

    09.09.2010, 15:20 von justagirl
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  • 0

    Schön geschrieben...

    18.10.2009, 20:51 von Flacky
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  • 0

    sehr deprimierend... und irgendwie unbefriedigend

    12.05.2009, 18:06 von vanilla.
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  • 0

    wirklich ganz wunderschön

    10.05.2009, 11:00 von redhead.
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    und wieder eine narbe mehr im herzen..
    schön geschrieben, ihr werdet euch fehlen.

    02.05.2009, 19:37 von shizzo
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  • 0

    Wahrhaftig herzzerreissend!

    01.05.2009, 23:30 von cocomotion
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  • 0

    I like it...

    01.05.2009, 22:25 von NobodysFool
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  • 1

    Ich dachte immer, erst studiert man, dann geht man weg und arbeitet irgendwo. Aber heute stelle ich fest, sechs Jahre Studium und das Leben dort, wo man studiert hat, machen einem den Abschied nicht gerade leicht.

    Ich schreibe gerade meine Diplomarbeit.
    Angefangen habe ich, sie mit meinem Freund zu schreiben, dann habe ich die Beziehung beendet. Nun schreibe ich sie also mit meinem Mitbewohner zusammen ... diese unfreiwillige WG werde ich allerdings im September verlassen.

    Wir verstehen uns gut und lachen zusammen und dann gibt es wieder Tage, da verfluche ich die ungewisse Situation, in die ich mich selbst gebracht habe ("Aus dem Leben gekegelt").

    Dieser Text berührt mich daher auf zwei Ebenen, ich habe meinen Freund bereits verloren und werde dem besten Mitbewohner der Welt ebenfalls bald Lebewohl sagen müssen, was dann kommt ist ungewiss.

    Dieser Text ist wunderbar vieldeutig und feinfühlig verfasst. Wir beide hier haben ihn gelesen und geheult wie die Schlosshunde. Aber trotz allem habe auch ich die letzte Kiste noch nicht ganz zugemacht ...


    01.05.2009, 21:28 von knoblaeuchlein
    • 0

      @knoblaeuchlein So geht es mir gerade...ich scheine gerade meinen freund zu verlieren....mit dem ich eher unfreiwillig seit 3 tagen dennoch noch das bett teile.....aber wahrscheinlich kommt bald die trennung...und dann stellt sich die frage wie wir unsere "wg" auflösen....

      02.06.2009, 10:45 von crazydevil
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  • 0

    Ein wunderschöner Text, wirklich sehr ergreifend...
    Weiter so!

    01.05.2009, 12:17 von Herz.Blut
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