chessige 27.05.2007, 01:07 Uhr 239 81

Beziehungs-weise

Wie lieben uns. Und wir schlafen auch mit anderen.

"Und du hast nichts dagegen?" Verunsichert und fragend schaute sie mich an. Sie hat sich in meinen Mann verliebt, hatte ein paar schöne Nächte mit ihm und quält sich nun mit einem schlechten Gewissen, weil sie wusste, dass er ein Kind mit mir hat, Bett, Tisch und sein Leben mit mir teilt. Natürlich hat er ihr von mir erzählt. Er erzählt immer von mir, und dann strahlen seine Augen in diesem warmen Licht, das ich so sehr an ihm liebe.

Ich verkneife mir, ihr zu erzählen, daß es eine Schande wäre, dass ich mich ernsthaft schämen würde, wenn ich einen so wundervollen Mann ganz für mich alleine haben wollte, diesen Mann, der dazu geschaffen scheint, die Frauen glücklich zu machen. Er sieht gut aus, er ist charmant, klug und sexy, er tanzt, dass einem die Luft nur vom Zuschauen wegbleibt und er hat ein riesengroßes Herz voller Liebe, so wie ich. Manchmal stehe ich am Rande der Tanzfläche und schmunzle wissend, wenn plötzlich eine Frau in seinen Armen liegt, sich an ihm reibt und zerfließt wie ein Stück Butter in der Sommersonne, während er seine Hände über ihren Körper gleiten läßt.

Am Tag nach seiner ersten Begegnung mit ihr kam er nach Hause und strahlte, wie nur ein Mensch strahlt, der sich gerade verliebt hat. Ich kochte ihm einen Kaffee, schenkte ihm ein Lächeln und fragte wie so oft: "Wie war´s? Erzähl!" Sein Blick gleitet nach innen, seine Gesichtszüge werden weich, seine Lippen verziehen sich zu einem sanften Lächeln. Sie ist jung, schön, klug, er hatte Spaß mit ihr, nicht nur im Bett. Sie hat ihm ein Buch geliehen, tagelang referierte er daraus, während ich ihm aufmerksam zuhörte und von ihm, mit ihm lernte, was sie uns mit ihrem Buch beizubringen hatte, um dann die Nächte damit zu verbringen, mit ihm darüber zu diskutieren, unseren Horizont zu erweitern - und zu genießen, was er sonst noch von ihr gelernt hat.

"Nein. Sollte ich etwas dagegen haben? Schau, wir haben keinen Besitzanspruch aneinander, weder in sexueller noch in emotionaler Hinsicht. Du tust ihm gut, was sollte ich dagegen haben?" Sie ist ein wenig fassungslos und stammelt, sie könnte das nicht, sie weiß nicht, ob sie so eine Beziehung haben könnte. Ich wusste es auch nicht, als ich ihn traf, als er mich traf, mitten ins Herz, mit einer Gewalt, die mein Weltbild zersprengte. Ich wusste damals nicht, ob ich das kann, meine große, meine größte Liebe mit anderen Frauen teilen. Aber ich hatte schnell Gelegenheit, es herauszufinden. Ich konnte. Damals saß die Frau nach einer wilden Nacht zu dritt an unserem Küchentisch und fragte mich, ob er wohl noch einmal mit ihr schlafen würde. "Das musst du ihn fragen, nicht mich.", antwortete ich ihr. Er schlief nie wieder mit ihr, denn sie war vor Eifersucht aus seinem Bett gesprungen, als er sich mir zuwandte, nachdem er sie stundenlang verwöhnt hatte. Er kann Eifersucht nicht ertragen, nein, er kann nicht ertragen, wenn ein Mensch einen Besitzanspruch anmeldet, ihn als sein Eigentum betrachtet, ihn in einen goldenen Käfig aus angeblicher Treue einsperren will. Ich bin ihr hinterhergesprungen und habe sie zum Bleiben bewegt, sie beruhigt, einen Kaffee gekocht und ihr ein Brötchen geschmiert, mit ihr geredet, bis es ihr besser ging. Nachdem ich wusste, dass ich dazu fähig bin, eine solche Beziehung zu führen, die dem Partner größtmögliche Freiheit zugesteht, ohne zu leiden, ohne daran zu zerbrechen, fand ich heraus, ob er es auch konnte - oder ob er nur meinte, es zu können. Er kam unerwartet in mein Zimmer, als ich mit meiner Eroberung gerade den dritten Akt beendet und mich zum Aufstehen angeschickt hatte. Er war erschrocken, stürzte auf dem Hacken umkehrend zurück in die Küche und kochte einen Kaffee. Zu dritt saßen wir dann am Küchentisch, die Männer musterten sich kurz und schlossen ein stilles Einverständnis. Sein Lächeln war warm, der Schrecken aus seinen Augen gewichen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass ich nicht allein bin.

Als ich mich in einen seiner Freunde verliebte, einen schönen, strahlenden, vor Lebensfreude sprühenden Mann, lachte er mich an: "Du bist ja verliebt!" Mit vor Verlegenheit roten Wangen scharrte ich mit den Füßen im Kies und stammelte, ich würde sowieso nicht an ihn ran kommen, ich sei viel zu schüchtern, wenn ich verliebt bin. Und ich wüsste ja auch gar nicht, wie er das sieht, immerhin ist er ein Freund und manche Menschen sind etwas komisch, wenn es um die Frau eines Freundes geht. "Ach was, komm, lass uns feiern!" Nach einer langen, fröhlichen Nacht brachen wir zu viert auf, frühstückten und verzogen uns pärchenweise in getrennte Zimmer. Er vögelte wild und laut eine Freundin, ich vögelte sanft und leise seinen Freund.

Manchmal, wenn wir an der Bushaltestelle stehen, uns in den Armen halten, unsere Körper aneinander pressen und uns leidenschaftlich küssen, frage ich mich, wie es sein kann, dass unsere Liebe nach so vielen Jahren noch so leidenschaftlich, so glühend und so frisch ist, während andere Paare sich schon längst nichts mehr zu sagen haben. Verwundert stelle ich dann jedes Mal fest, dass es die Freiheit ist, die wir uns gegenseitig zugestehen, die Freiheit zu lieben. Es ist die Veränderung, die jeder Mensch in uns bewirkt, den wir begehren, lieben dürfen. Es ist die Größe, die aus unserem Vertrauen ineinander, unserer Ehrlichkeit voreinander und gegenüber anderen erwächst. Manchmal schimpfe ich mit ihm, wenn er von einer Frau erzählt, die sich an dieser Situation stößt. "Du mußt aufpassen, mein Lieber. Tu ihr nicht weh, das ist nicht gut. Hab Verständnis für sie, es ist nicht gewöhnlich, wie wir miteinander umgehen, wie wir lieben." Niemals verschweigt einer von uns, dass es den anderen gibt und was dies bedeutet. Immer ist es die Entscheidung des Gegenübers, ob diese Situation für ihn tragbar ist - oder eben nicht. Niemals lassen wir jemanden, den wir begehren, lieben, allein mit seinen Gefühlen, wenn er sich übernommen hat, wenn er sich irrte, wenn es ihn verunsichert oder schmerzt. Es sei denn, es wird so gewünscht.

"Ich weiß nicht, ob ich das könnte.", sagt das schöne, kluge Mädchen zu mir. Es ist ganz einfach: Bleib bei dir selbst, triff eine Entscheidung. Vielleicht ist es irgendwann anders, und dann triffst du eine andere Entscheidung. Wenn ich heute zu ihm sagen würde, es geht nicht, ich kann dich gerade nicht teilen, dann ist das so. Die Gefühle des anderen sind immer wahr, so wie unsere eigenen Gefühle immer wahr sind. Es ist ein permanenter Prozess, ein ständiges Entwickeln, immer wieder prüfen wir, ob wir so leben wollen, stimmen uns aufeinander ein, lernen uns neu kennen. Manchmal braucht es keine Worte. Wir sind uns näher, als ich jemals einem Menschen war, wir spüren in jeder Zelle unseres Körpers, mit jeder Faser unseres Seins, ob es dem anderen gut geht mit dem, was wir tun. Und manchmal verzichten wir freiwillig auf etwas, um den anderen nicht zu kränken, nicht zu verletzen. Gegenseitige Liebe, Respekt, Anerkennung, Loyalität und Vertrauen sind unsere Basis. Und ja, wir streiten auch miteinander, wie starke Menschen miteinander streiten.

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239 Antworten

Kommentare

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    Verdreht aber interessant. Würde mich interessieren, ob ein Paar das tatsächlich schafft, was du beschreibst.

    06.02.2012, 18:13 von NeverGrowUp
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    aber Hammer, dass so lange über diesen Artikel diskutiert wird !
    Liebe und Sex, das beschäftigt halt jeden :-)

    02.06.2008, 10:56 von femaleDolphin
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    Also wenn ich das Foto von Dir sehe (brauner Rollkragenpulli, Haar langweilig zs gewurschtelt), denke ich, dass Du eine graue Maus bist. Kann mir solche Spielchen gar nicht bei dir vorstellen !
    Siehst net so extrovertiert und weltoffen aus wie du tust.
    Er ist bestimmt ein Machotyp der nur zu gut weiss wie gut er aussieht und braucht eine Pseudo-Freundin als Alibi für seine Kollegen oder Eltern ?!
    Beende es lieber; es wird dich riesig verletzen, irgendwann !

    02.06.2008, 10:55 von femaleDolphin
    • 3

      @femaleDolphin Selten einen so oberflächlichen und bescheuerten Kommentar gelesen. Wenn ich mir dein Bild anschaue, kommst du mir ziemlich blass vor, und das passt doch so gar nicht zu deinem pseudo-sexy Nick.
      Von seinem beschränkten Horizont auf andere zu schließen hat noch niemanden weitergebracht.

      12.08.2008, 00:41 von Tanea
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  • 0

    ich mag deinen artikel sehr. und ich finde so etwas zeigt eine riesige charakter-stärke. diese ehrlichkeit und liebe zwischen euch ist wunderbar. aber du hast wohl recht, wenn du schreibst, dass nicht jeder das kann.

    27.04.2008, 09:57 von drama.Verliebt
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  • 0


    liebe leben lassen

    zz.

    29.03.2008, 11:38 von zzebra
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  • 1

    Ich denke jeder muss für sich selbst entscheiden, welche Form von Beziehung ihn glücklich macht. Wenn man sich in dieser Situation wohlfühlt ist es vollkommen in Ordnung, auch wenn es meine Vorstellung übersteigt, dass ein solcher Zustand glücklich machen kann. Ich persönlich halte Sex für etwas sehr persönliches, dass ich nur mit einem Menschen teile, den ich liebe. Liebe ist ein sehr gewaltiges Wort und etwas, das langsam wächst, gewisser Pflege bedarf und zwei Menschen auf eine Art verbindet, die in meinen Augen der Deffinition nach keine dritte Person duldet. Ich liebe meinen Partner und darum möchte ich meine Sexualität mit ihm teilen. Wenn ich mich in eine andere Person verliebe, dann trenne ich mich, denn ich bin nicht fähig, zwei Menschen auf diese Art zu lieben, selbst wenn es für eine Nacht ist. Würde ich mich auf eine solche Beziehung einlassen, ich würde mich selbst belügen und im Innern kreuzunglücklich sein, weil mein Partner etwas, dass sehr intim ist und von dem ich einmal dachte, es würde uns verbinden, auch mit anderen teilt. Vielleicht ist das nur eine lächerliche Angst, welche die Autorin in der Lage war abzustellen. Vielleicht ist es ein natürlicher Reflex. Vielleicht ist es meine Art, zu lieben. Ich für meinen Teil könnte es nicht. Weder so schnell lieben, dass es für eine flüchtige Nacht reicht, noch doppelt lieben. Aber ich halte es für moralisch nicht anstößig und absolut nicht zu verurteilen so zu leben, wenn beide Partner es wünschen. Ich hoffe ihr beide seid noch lange glücklich.

    28.03.2008, 00:05 von Nee-Cee
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    ich würd mir sowas ja wünschen. aber männer die das wollen gibts wenige..

    06.03.2008, 19:07 von miralii
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    Schön, dass Du über Dein Leben in Polyamory geschrieben hast. Es ist mehr als eine offene Beziehung. Es bedarf starker Persönlichkeiten, um potentielle und kulturelle Konflikte zu lösen.

    Viel Glück,
    triathlet

    07.01.2008, 00:54 von triathlet
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    Hi...
    Beneidenswert - wenn es denn auf Dauer mit euch klappt.
    "Lieben" heisst ja nicht "besitzen"...
    Und es scheint zu funktionieren - hatte vor Jahren einmal eine schoene, heftige Affaere mit einer tollen Frau, die ebenfalls eine "offene Beziehung" fuehrte. Jahre spaeter traf ich sie bei einem Spaziergang wieder, noch immer mit ihm zusammen, er schob den Kinderwagen...
    Wuensche euch eben solches...

    28.12.2007, 10:23 von blacklitedelight
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