MetroPole 30.11.-0001, 00:00 Uhr 36 37

Ausgerechnet Fausta

Bloß weil jemand nicht lügt, ist er noch lange nicht aufrichtig. Manchmal muss man sogar lügen, um glaubhaft zu sein.

Fausta. Sie heißt Fausta. Ausgerechnet.
Als ich Max davon erzähle, spritzt Kaffee in hohem Bogen aus seinem Mund.
"Bist du verrückt, Alter? Erzähl mir doch so was nicht, wenn ich gerade schlucken will!"
Es dauert eine halbe Minute, bis sich sein Gesicht wieder entspannt und er zu kichern aufhört.
Am Nebentisch sitzen zwei Mädchen und starren uns an.
"Das macht dann zwofuffzig", ruft er zu den beiden rüber, "Telefonnummer kostet extra."
"Sehr witzig.", raunt die Blonde und zieht ihr Näschen kraus. Ein niedliches Näschen. Und einen guten Vorbau hat sie auch.
Max liest meine Gedanken.
"Hey! Falsche Bühne, Goethe!"
Wir sind beste Kumpel seit unserer Kindheit und obwohl ich seine Spaßmacherauftritte gewohnt bin, schafft er es doch immer wieder, mir peinlich zu sein.
"Fausta also. Das klingt doch hübsch handfest. Hat sie auch noch andere Vorzüge? Erzähl mir alles!"
"Interessiert dich doch gar nicht."
"Klar, Mann." Er boxt mir freundschaftlich gegen die Schulter.
"Woher kommt sie, was tut sie, wie ist sie im Bett?"
"Ihre Eltern kommen aus Italien, sie studiert Kunstgeschichte und im Bett waren wir noch nicht."
"Ist sie gut gebaut?"
"Ich hab keine Ahnung.", druckse ich herum, obwohl ich es eigentlich besser weiß.
Wieder bringt Max die Nummer mit dem Kaffee. Ich muss nicht aufsehen um zu wissen, dass die zwei Mädels wieder zu uns rüberschauen.
"Alter! Sag bloß, du fängst deine Fische jetzt auch im Netz statt mit der Angelrute?"
"Was dagegen?"
Er verdreht die Augen.
"Scheiße.", sagt er. "Ich tu?s echt nicht gerne, aber einer muss es dir ja sagen: du bist ein Vollidiot, Andi."
Wahrscheinlich hat er sogar Recht damit. Die Wahrheit ist, dass ich ihn gerade hinters Licht führe. Mich selber allerdings nicht weniger. Grinsen muss ich, weil mir schon wieder halb schlecht, halb schwindelig wird und ich genau weiß, das liegt nur daran, dass ich an Fausta denke. An unseren Nachmittag am See und daran, wie sie zu mir sagte:
"Bloß weil jemand nicht lügt, ist er noch lange nicht aufrichtig. Manchmal muss man sogar lügen, um glaubhaft zu sein."

Wir hatten bäuchlings auf unseren Badehandtüchern gelegen und beim Reden aufs Wasser gestarrt. Die fünfköpfige Familie neben uns dabei beobachtet, wie sie aus zwei großen Kühltaschen ein Abendessen zutage beförderte, das für ein ganzes Pfadfinderlager gereicht hätte.
Wir lagen nebeneinander und unterhielten uns wie alte Freunde. Ganz unbefangen und so beiläufig, dass niemand auf die Idee gekommen wäre, uns für zwei Menschen zu halten, die sich gerade bei ihrem ersten Date ineinander verknallten.
Jeder Satz, den Fausta von sich gab, war des Nachdenkens wert. Ihre Art zu erzählen hatte ich schon nach ihrer allerersten Mail an mich gemocht, aber es machte noch größeren Spaß, neben ihr in der Sonne zu liegen und ihr zuzuhören. Ihre Stimme war angenehm tief und melodisch, selbst dann, wenn sie sehr bewegt über etwas sprach.
Ich musste sie nicht ansehen und Augenkontakt mit ihr herstellen, um Gesagtes besser deuten zu können.
Das war auch gut so, denn jeden intensiveren Blick, den wir austauschten, spürte ich überall.
Als sie mich bat, ihr den Rücken einzucremen, flunkerte ich sie an, damit bis nach unserem nächsten Schwimmgang warten zu wollen.
"Kein Problem.", sagte Fausta und hatte keine Ahnung, wie unangenehm angenehm mir in dem Augenblick das Liegen war.
Ich dachte an die Dinge, die mir in solchen Situationen normalerweise wieder zu einem kühlen Kopf und zu mehr Schrittfreiheit verhalfen, aber bei ihr wollte kein Trick helfen.
Mein ganzer Körper reagierte auf jede noch so kleine, alltägliche ihrer Gesten und Bewegungen. Ich verknallte mich in die Langsamkeit, mit der das Seewasser ihr vom pechschwarzen Lockenschopf perlte. In ihre langen Finger, die in der Vortasche ihres Rucksacks nach Kleingeld für Eis kramten. In ihren Hüftschwung, als sie zu einem der Verkaufsbüdchen lief, um uns zwei Calippo zu holen.
Ich verknallte mich in sie, in den Nachmittag und in die Vorstellung, den ganzen Sommer mit ihr zu verbringen. Als Auftakt natürlich nur. In ihren wippenden Hintern verknallte ich mich, in ihren altmodisch geschnittenen Badeanzug und in ihr Hohlkreuz. In das sichere Gefühl, dass es kein Zufall war, wenn wir im Laufe des Nachmittags immer näher zueinander rückten. Ich verknallte mich sogar in ihren bescheuerten Namen.

"Wie kamen deine Eltern eigentlich darauf, dich Fausta zu nennen?", fragte ich, als wir nach dem Eisessen nebeneinander im Wasser prusteten und auf eine Boje zuhielten.
"Gar nicht."
Plötzlich war da so ein Unterton in ihrer Stimme, der mich ihre Augen suchen ließ.
Sie bemerkte meinen Blick, lächelte schief und fing zu kraulen an.
"Wer als Letzter an der Boje abklatscht, hat verloren und ist ein Mädchen!", rief sie und schwamm mir in einem Tempo davon, dass das Wasser nur so spritzte.
Ich lachte und ließ mich nicht zweimal bitten. So schnell ich konnte, schwamm ich ihr hinterher. Was mir an Technik fehlte, machte ich durch Ehrgeiz wett. Und nicht zuletzt durch den festen Vorsatz, ganz wild mit ihr um die Boje zu rangeln und sie im Eifer des Gefechts einfach an mich zu ziehen und zu küssen.
Fast noch schneller als meine Arme überschlugen sich meine Gedanken. Wir würden uns küssen und nur kurz voneinander ablassen, um uns anzusehen und festzustellen, uns noch mal küssen zu wollen. Auf dem Heimweg würden wir mehrmals mit unseren Fahrrädern anhalten müssen, um den Abend in die Länge zu ziehen und den Abschied zu verzögern.
Viel später am Abend, nach einer langen Dusche und vielen Gedanken an sie, riefe ich Max an, um mich mit ihm im Biergarten zu verabreden.
"Sie heißt Fausta, ausgerechnet Fausta.", hörte ich mich sagen, mit verknalltem Überschwang in der Stimme und dümmlich dazu grinsend.

"Erster!", schrie ich, noch bevor meine Hand die Boje berührte.
Faustas Lockenkopf tauchte keine fünf Sekunden später neben mir auf. Sie war total außer Atem, schlug mit letzter Kraft den schwimmenden Schlagbaum ab und schlang dann so hastig ihre Arme um meinen Hals, als müsse sie andernfalls ertrinken.
Ich hielt mich mit einer Hand an der Boje fest, mit der anderen fasste ich nach Fausta. Ohne Absicht landete sie auf ihrem Po und ohne darüber nachzudenken, was ich tat, beinahe versehentlich, hob ich ihren Körper eng an meinen. Sie schrie so laut und unerwartet spitz auf, dass ich sie vor lauter Schreck kurz losließ und dann, erschrocken von meinem Loslassen, ein weiteres Mal beherzt nach ihr langte.
Diesmal bekam ich nicht ihr Gesäß zu fassen, sondern etwas ganz anderes. Gut verschnürt und durch das Material ihres Badeanzugs fest an den Unterleib gepresst, aber unmissverständlich fühlbar.
Fausta hatte das Wettschwimmen zwar verloren, doch ein Mädchen war sie deshalb genauso wenig wie ich.

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36 Antworten

Kommentare

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    Das dicke Ende. Gut erzählt!

    14.10.2010, 17:39 von mixtapeape
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    oh nein! Ich habe mit allem gerechnet, aber nicht mit SO einem Ende!
    Aber dennoch..super beschrieben und geschrieben!!

    19.07.2010, 17:21 von Effektiva
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    Wirklich gelungen und am Anfang sehr gut mit Worten jongliert =) Gefällt

    17.07.2010, 17:24 von Miss_nonsense
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    Es gefällt... und es würde mich interessieren wies weiterging. Wie lässt sich so eine Situation möglichst charmant auflösen...

    14.07.2010, 10:56 von ironypill
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      @ironypill "Wie lässt sich so eine Situation möglichst charmant auflösen..."

      "Auflösen" ist in dem Zusammenhang sicherlich ein prima STICHwort.

      14.07.2010, 11:10 von JackBlack
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    Die Geschichte an sich gefällt mir wirklich gut. Ich hab' echt nichts geahnt und dann sowas. :D
    Ich mag deinen Schreibstil & die Ausdrucksweise. Liest sich einfach gut.

    Lob.

    14.07.2010, 03:37 von easa
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    Haha, als ich das Ende des Textes gelesen hab, saß ich leider gerade in der Schule und musste echt laut loslachen :D
    Gefällt mir :)

    14.07.2010, 00:06 von SayLalala
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    interessanter Ausgang. Gut geschrieben. (:

    13.07.2010, 20:53 von schneekuchen
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