Tim123 30.11.-0001, 00:00 Uhr 69 80

Als mein Bett zu klein wurde

Eine kleine, persönliche Kulturgeschichte.

Eine kleine, persönliche Kulturgeschichte

I. Raumschiff Enterprise

Zu den größten Errungenschaften meines aufstrebend pubertären Lebens gehörte mit 15 die Trennung von meinem Kinderbett. Es war für mich im doppelten Sinne zu klein geworden. Zwar hatte ich von nun an keinen Ort mehr, wo meine bis dato prestigeträchtige Hanuta-Bilder-Sammlung hätte weiter wachsen können - aber die Zielgruppe, von der ich jetzt bewundert werden wollte, hatte sich ohnehin geändert: Mädchen stehen nicht auf Star-Wars-Bildchen. Mädchen stehen auf Typen mit riesigem Bett. Glaubte ich zumindest. Besser gesagt: sie stehen bzw. liegen auf eine(r) Matratze auf dem Boden. Ganz ohne Bett, bzw. maximal auf eine Matratze auf Europaletten, die den damaligen Kompromiss der Verhandlung mit meiner Mutter darstellten.

Von nun an war ich die nächsten Jahre damit beschäftigt, von meinem "Raumschiff Bett" aus neue Welten zu entdecken, neue Lebensformen und neue Zivilisationen. Obwohl immer noch in meinem Kinderzimmer liegend, war ich in meinem Bett viele Lichtjahre von gängelnden Eltern entfernt und drang in Bereiche vor, die ich nie zuvor gesehen hatte. Meine Leben spielte sich jetzt zu Hause komplett im Bett ab. Musikhören, Hausaufgaben, telefonieren, langweilen, Freunde treffen: auf der Matratze. Und natürlich: die fremden Welten des weiblichen Körpers erforschen. Streng genommen verbrachte ich dort aber auch eine unglaubliche lange Zeit mit schlafen. Schlafen war mein Hobby geworden und es galt ein bisschen Rekorde zu brechen: ein tolle Party zeichnete sich allein dadurch aus, dass man möglichst erst ins Bett kam, wenn es hell wurde und ich erst dann wieder aufwachte, wenn der nächste Tag zu neige ging. Es gab am nächsten Schulmorgen keinen besseren Bericht als "am Samstag erst zehnnachsieben morgens ins Bett gekommen, aufgewacht erst zur Tagesschau" - der Rest war völlig egal, die eigene Bewunderung sicher. Wahrscheinlich muss ich meine Eltern eines Tages zu Rate ziehen, um aus ihren Fehlern zu lernen, wie ich meinen Kindern eines Tages im gleichen Alter besser vermitteln kann, welche unglaubliche Verschwendung von Lebenszeit das ist. Ich fürchte aber, damit zu recht genauso zu scheitern wie sie damals mit ihren Versuchen und es gilt leider "das ist hier kein Hotel" -Sätze zu vermeiden, wenn man sich nicht selbst ständig daran erinnern will, dass man diese Sätze eigentlich nie denken oder gar sagen wollte.

II. Raumdominanz

Dieses verkörperte Stück Freiheit "Bett" sollte natürlich auch in meinem ersten WG-Zimmer dominieren. Ich hatte ein wenig Geld gespart und konnte mir einen kleinen Luxus an zusätzlicher Freiheit und Größe leisten: eine noch größere Matratze. Das war jetzt nicht mehr nur einfach eine Matratze, nein, es war das bildliche Symbol dafür, dass ich nun mein Bett auch mal über einen längere Zeitraum mit jemanden teilte. Ich war Stolz in einem Alter angekommen, in der man(n) eine "Beziehung" hatte. Und zwei Kopfkissen. Toll. Was mir damals nicht auffiel, mir aber heute auf Fotos grotesk ins Auge sticht: mein Zimmer bestand damit eigentlich nur aus Matratze. Drum herum nur ein winziger Spalt Teppich zur Wand. Aber das war egal. Besser zu kleiner Lebensraum als zu kleines Bett.


III. Sonderraum

Leider (oder zum Glück ?) erweiterte sich der Wohnraum ein paar Jahre später, weil eine zweite Zahnbürste samt Eigentümerin diese Freiheit dauerhaft mit mir teilen wollte. Damit bekam die Matratze nicht nur einen hölzernen Unterbau, sondern auch ein eigenes Zimmer. Nur fürs Bett. Superluxus. Ausgeburt an Freiheit. Böse Zungen (im Mund meiner Eltern) nannten das "Schlafzimmer" und meinten sich über unsere angeblich "eheähnlichen Verhältnisse" lustig machen zu können. Aber sie hatten in Wahrheit nichts verstanden. Es gab jeweils einen Raum mit Schreibtisch für mich und sie zum studieren und einen weiteren - den größten der Wohnung - in der das Bett stand. Für uns zur freien Entfaltung. Das "uns" hat über die Jahre mehrfach in seiner Zusammensetzung gewechselt, das Bett und die Freiheit blieb.

IV. Tauziehen

Über die Jahre wechselte jedoch auch meine Einstellung zu meiner überdimensionierten Bettdecke. Zwar war sie eigentlich riesig, aber nur einmal vorhanden und musste damit nächtens geteilt werden. Was Anfangs einen besonderen Kuschelfaktor hatte, wenn man das Bett nicht dauerhaft und in allen Lebenslagen, sondern nur gelegentlich und in besonderen Lebensstunden teilte, sorgte nun immer wieder für nächtliches Tauziehen. Und kalte Füße. Die Bettdecke war zu klein geworden. Die Nächte berufsbedingt auch kürzer. Dafür der Geldbeutel etwas größer und ich konnte mir zwei große neue Bettdecken leisten. Aus feinster Daune. Das fühlte sich am Anfang ein wenig kribbelnd exotisch an wie im Skiurlaub, wenn man begraben unter einer voluminösen aber für ihre Größe gleichzeitig unpassend leichten Decke lag, aber es offenbarte sich leider gleich auch ein zweites Problem: das Bett war zu klein für die Decken.

Denn die Matratzengröße war geblieben. Groß, aber kein Doppelbett. Denn ein großes Einzelbett hatte den Duft von Freiheit und Jugend, ein Doppelbett hingegen war "Schlafzimmer". Das war: "jeder eine Lampe". Das war: "Eheleben". Das war: "ich mach´ schon mal das Licht aus". Ein Doppelbett war damit eigentlich undenkbar. Nicht das Schlafzimmer, die Lampen, das Eheleben - das war schon längst Tatsache, ein Doppelbett würde diese Tatsachen aber manifestieren. Das dürfte nicht sein. Ich war doch erst knapp über 30! Diese Freiheit zu mehr Größe nahm sich dann jedoch meine Frau, nannte es "der Wahrheit ins Auge blicken" und stellte mich vor die Wahl: die neue Bettdecke wieder abgeben und gegen eine klitzekleine tauschen oder ein neues Bett kaufen. Ich tröstete mich in meiner über-30-Jugend damit, dass ich das Bett in einem unglaublich trendigen Laden mit lauter Musik kaufte und es dort "king-size" hieß und nicht "Doppelbett". Etikette ist alles.

Der größte Trost war aber, dass es sich wirklich wie "king" darin schlief. Unglaublich viel Platz. Riesige Bettdecke. Ich war endlich auf dem Maximum angekommen....

V. Auf engstem Raum

....aber nur für ein paar Jahre. Das Bett ist jetzt noch da. Die große Bettdecke auch. Auch die Mitschläferin hat nicht gewechselt. Aber plötzlich ist kein Platz mehr für mich da. Nachts wache ich auf und finde mich am Fußende eingekauert wieder. Mein Bett gehört nicht mehr mir allein. Die Luxusposition nehme jetzt mit ausgebreiteten Armen zwei kleine Menschen ein, die mir Abends zuvor noch vorspielten, fest in ihren eigenen Betten zu schlafen und dort auch bleiben zu wollen, um dann, sobald ich selbst eingeschlafen bin, heimlich und leise samt schwitzigem Kuscheltuch mein Bett zu erobern. Und mich zu verdrängen. Und mir meine Inkonsequenz zu zeigen. Denn sobald ich sie schlaftrunken und verspannt greife, um meine Freiheit wieder zu erlangen und sie schon aus Prinzip (Erziehung ist wichtig!) wieder in ihre Betten zu bringen, versage ich. Sie klammern sich eng. Und flehen. Und können das Wort "Bitte" schneller und öfter wiederholen, als es mein gegensteuernder Freiheitsdrang ertragen kann. Und sie gewinnen. Fast immer.

VI. Das Prinzip Hoffnung

Aber die Hoffnung stirbt zu letzt. Irgendwann ist auch das vorbei. Und sie wollen zunächst ihre eigene große Matratze auf dem Boden ihres Zimmers. Und später dann ihr WG Zimmer mit einer viel zu großen Matratze ausfüllen. Und bei mir hinterlassen sie dann ein freies Zimmer.

Vielleicht lege ich dann dort eine große Matratze auf Paletten für mich hinein?

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69 Antworten

Kommentare

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    *seuftz* Sammelbildchen.
    Klasse Text.

    17.03.2011, 11:50 von Drachendame
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    Nur toll :)

    09.02.2011, 19:44 von schmackofatzin
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    Die wunderbare Geschichte deiner Matratzen.
    5 Sterne.

    11.08.2010, 16:28 von Pazzesco.mo
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    Gefaellt mir richtig, richtig gut!

    18.06.2010, 15:37 von mindu
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    echt super =)
    ich bin erst 15 und kämpfe gerade für ein grosses bett(nicht king-size=ehebett ;) )

    19.05.2010, 17:45 von SonnenTaenzer
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    ich fands nett. mir gefällts.

    19.04.2010, 14:56 von Verlchen
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Wenn auch auf eine Art irgendwie banal, trotzdem herrlich zu lesen. Super!

    29.10.2009, 13:52 von GetOnYourShoes
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    Von nun an war ich die nächsten Jahre damit beschäftigt, von meinem "Raumschiff Bett" aus neue Welten zu entdecken, neue Lebensformen und neue Zivilisationen. Obwohl immer noch in meinem Kinderzimmer liegend, war ich in meinem Bett viele Lichtjahre von gängelnden Eltern entfernt und drang in Bereiche vor, die ich nie zuvor gesehen hatte. Meine Leben spielte sich jetzt zu Hause komplett im Bett ab. Musikhören, Hausaufgaben, telefonieren, langweilen, Freunde treffen: auf der Matratze. Und natürlich: die fremden Welten des weiblichen Körpers erforschen

    mein Highlight...war bei mir fast gleich, nur war ich die unerschrockene Erforscherin männlicher körper!

    21.10.2009, 20:59 von b.merker.in
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    Das in Buchform...mit deinem Schreibstil! Würde ich auch sofort lesen wollen :D ...Interessant wären dann ja die letzten beiden Kapitel VI und VII - wie die wohl aussehen würden ...? ;)



    29.08.2009, 10:22 von Nannu
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