Roberts Welt

Der 18-jährige Robert Strohmaier möchte der Welt erzählen, wie es ist, u­nheilbar ­krank zu sein.

In der NEON-Redaktion trifft eine Mail des 18-jährigen Lesers Robert ein: »Es geht um die Krankheit Krebs. Ich bin selbst (leider) betroffen, aber sehe das gar nicht so schlimm – ich mache das Beste draus – und man gewinnt sogar in einigen Teilen an Lebensqualität, weil man sich auf Sachen konzentriert, die einem wichtig sind ...« Dann hat er noch eine Bitte an die Redaktion. 

Es beginnt mit Kopfschmerzen vor eineinhalb Jahren, da ist Robert sechzehn. Seine Mutter leidet unter Migräne, also glaubt jeder, auch Robert hätte jetzt Migräne. Eine Neurologin verschreibt ihm das Schmerzmittel Novalgin. Es wirkt. 

Sechs Wochen später entdeckt Robert eine Beule an seinem Hals. Vielleicht kommt das vom Sport, denken seine Eltern, ihr Sohn ist Leichtathlet, er spielt Tennis, er geht zum Krafttraining und hat in letzter Zeit neue Muskeln aufgebaut. Vielleicht ist es das. 

Die Krankheitsgeschichte, die folgt, hat Robert mit Hilfe seiner Eltern aufgeschrieben, sieben DIN-A4-Seiten, weil er sich aufgrund der Bestrahlung vieles nicht merken kann. Robert schildert diese Geschichte in einem Café in Darmstadt, in der Nähe seines Elternhauses. Oder in seinem Zimmer. Er serviert Mineralwasser, stellt Gläser auf metallene Untersetzer. An der Wand hängt ein Poster: »The Periodic Table of Mixology« – eine Cocktailübersicht. Daneben: eine Klimmzugstange.
Februar 2011, die Beule wächst, der Hausarzt schickt Robert zum HNO-Experten. Vielleicht doch eine Zyste, eine Wassereinlagerung? Ein MRT-Bild liefert den ersten Blick in Roberts Körper. Ergebnis: Verdacht auf Lymphdrüsenkrebs. Der nächste Arzttermin, Robert hört das Wort »bösartig«.

Seine Eltern kontaktieren Krankenhäuser in Frankfurt und Heidelberg. Nach einer Stunde meldet sich ein Arzt aus Heidelberg zurück. Robert sieht mit seinem linken Auge einen grauen Punkt. Es wird ein MRT vom Kopf gemacht. Am 3. März 2011 wird ein Tumor hinter Roberts Siebbein festgestellt, der auf seinen Sehnerv drückt. 

Die Chemotherapie besteht aus neun Zyklen, die jeweils 21 Tage dauern. Erst bekommt Robert Wasser in den Körper gespritzt. Es folgen Medikamente, dann wieder Wasser, sozusagen zum Durchspülen, damit sich der Körper er- holt. Robert verträgt die Therapie so gut, dass seine Eltern im Spaß sagen: Die geben dir doch Placebos. Erst nach dem dritten Zyklus fallen ihm die Haare aus.

Robert will die elfte Klasse am Gymnasium nicht wiederholen müssen, also nimmt er Unterricht im Krankenhaus und lässt seine Hausarbeiten in der Schule abgeben. Die Chemotherapie schlägt an, ein weiteres MRT-Bild zeigt, dass der Tumor im Lymphknoten kleiner geworden ist. Es sieht danach aus, dass Robert geheilt werden kann. Die Ärzte beginnen, den Tumor am Hals zu bestrahlen. Die Chemotherapie läuft parallel weiter.

Nach der Bestrahlung fühlt sich sein Mundraum an, als sei er verbrannt. Robert kann nichts essen, er trinkt Schokoeisshakes mit Banane. Das Schlucken quält, aber die Herbstferien rücken näher, und wenn alles so gut weitergeht wie bisher, kann er zum Ende der Ferien mit der Reha beginnen. Zu diesem Zeitpunkt hat Robert noch kein Mal geweint. Er wird erst Monate später weinen. Aber nicht um sich, sagt er, sondern um seine Eltern, weil sie ihm leidtun.

Die Therapie endet am 6. Oktober mit einem Abschlussgespräch, es wird noch ein Termin für die Zeit nach den Herbstferien ausge-macht. Mit seiner Familie fährt er in ein Clubhotel nach Österreich, zur Erholung. Auf der Rückfahrt erbricht Robert. Dann, am letzten Wochenende der Herbstferien, bekommt er in der Küche einer Nachbarin einen Krampfanfall.

Zurück ins Krankenhaus. Die Ärzte stellen fest, dass Metastasen Roberts zentrales Nervensystem erreicht haben. Sein Gehirn also. Es ist der Moment, in dem sie wissen, dass sie fast nichts mehr tun können. Für einen Jungen, der gerade erwachsen wird. In einer Lebensphase, in der man normalerweise überlegt, was man studieren soll. Oder wie man seinen Eltern sagt, dass man von zu Hause auszieht.

Die Ärzte geben den Eltern eine Prognose, wie lange Robert wahrscheinlich noch zu leben hat. Robert fragt nicht danach. Ihm reicht eine Information, die er von den Ärzten bekommt: Was auch immer er im Leben noch vorhabe, er solle es schnell machen.

Also nimmt er sein Handy und beginnt, eine Liste zu verfassen. Robert schreibt: Fallschirm springen, Sushi machen mit Onkel und Tante, Weißwurst mit Brez’n und süßem Senf essen, Auto fahren, eine Zigarre rauchen, in die »Aussie Bar« gehen und Spareribs essen, ins Jugendstilbad gehen, Omas Himbeertorte mal wieder essen, in den Europapark fahren, einen Iced Chocolate Mocha bei Starbucks trinken, in den »Hillstreetclub« mit den besten Freunden gehen, zu Ikea fahren und Kötbullar und Hotdogs essen, wieder Haare bekommen, auf die Malediven fahren, noch mal Fallschirm springen, eine Mentholzigarette rauchen, an den Strand fahren, eine Fritteuse kaufen und alles Mögliche frittieren. Er schafft fast alle Punkte innerhalb weniger Wochen. Sein Gehirn wird noch einmal bestrahlt, ein letzter Versuch. Er bringt nichts.
Heute sieht sein Alltag so aus: Er kann die Pupille seines linken Auges nicht nach oben bewegen, weil der Tumor von hinten auf den Nerv drückt. Bevor man mit ihm spazieren geht, erklärt er, was im Falle eines Krampfanfalls zu tun ist (ihn in die stabile Seitenlage bringen zum Beispiel).

Manches von der ursprünglichen Liste wiederholt er, etwa den Ausflug in den Europapark. Und er fügt neue Punkte hinzu. Vor wenigen Wochen hat er seinen Führerschein gemacht. Er besucht Unterrichtsstunden in seiner Schule, aber nur Fächer, die ihm gefallen. Er möchte in diesem Sommer mit Freunden nach Amsterdam fahren (er hat ihnen aber gesagt, dass er nicht weiß, ob er gesundheitlich wirklich dazu in der Lage sein wird). Mit seinen Eltern will er nach Mallorca in eine Finca, wie vor fünf Jahren, als sie schon mal Urlaub auf Mallorca machten.

Und er will seine Geschichte erzählen. Das ist auch die Bitte, die er in seiner Mail an die Redaktion richtet. Robert wird auf NEON.de Tagebuch führen. Wie oft, hängt davon ab, wie er sich fühlt.

Ihm ist klar, dass er wahrscheinlich nicht mehr lange zu leben hat. Die Ärzte haben ihre Versuche aufgegeben, ihn zu heilen. Was sie jetzt noch machen, nennen sie »Erhaltungstherapie«. Robert gefällt der Ausdruck nicht. Ihm klingt er zu passiv: Er hat ja noch was vor.

Auf der vorletzten Seite seiner siebenseitigen Aufzeichnungen steht: »Immer gute Laune, das Beste draus machen und die Hoffnung stirbt gar nicht.«

(Text: Sascha Chaimowicz in Ausgabe Nummer 9, 2012)


Roberts Tagebuch

Der 18-Jährige Robert Strohmaier möchte der Welt erzählen, wie es ist, unheilbar krank zu sein. Er hat einen Hirntumor und weiß, dass er nicht mehr lange zu leben hat. Für NEON.de schreibt er auf eigenen Wunsch Tagebuch. Wie oft, hängt davon ab, wie er sich fühlt. Ihr könnt ihm schreiben an robertstagebuch@neon.de