"Ich wollte wissen, was diesen Charakter treibt"

Gewalt, Amoralität und krasse Sprache - Gabriele Reis vom Hörbücher-Blog hat mit Benno Fürmann über seine Vertonung von "Clockwork Orange" für die NEON-Hörbuch-Edition gesprochen.


Benno, als du gefragt wurdest, ob du das Hörbuch zu Clockwork Orange sprechen möchtest, wie war deine erste Reaktion?

Ich hatte davor erst ein einziges Hörbuch gesprochen. Harold von Einzlkind. Das hat mir großen Spaß gemacht. Als ich erfuhr, dass Clockwork Orange als Hörbuch erscheinen sollte und Sabine Buss von Random House mich fragte, habe ich natürlich sofort zugesagt. Der Film war für mich als Jugendlicher wichtig. Als ich das Buch gelesen habe, wurde die Dimension dieses Werkes für mich aber noch viel größer. Das Buch zeigt noch viel stärker als der Film diese Welt eines vollkommen amoralischen Menschen, der Freude daran hat, gewalttätig zu sein. Es ist ein wichtiges Buch und ich wollte es sehr gerne als Hörbuch umsetzen.

Gewalt ist das Hauptthema in Clockwork Orange. Wie bist du an den Text heran gegangen?

Es ist mehr als einfach nur Gewalt, es ist wirklich sehr komplex. Ich stand vor dem Buch und dachte „Baby, das Ding muss rocken!“ Man merkt einfach, dass Anthony Burgess etwas von Literatur und von Musik versteht. Das ist durchkomponiert, es hat richtigen Rhythmus, das wollte ich rüber bringen.

Die Umsetzung eines solch komplexen Werkes ist nicht leicht. Der Hörbuch Regisseur Kai Lüftner stand dir zur Seite. Wie war diese Zusammenarbeit?

Ich stand bei dem Hörbuch vor dieser Figur Alex, Gewalt, Amoralität, diese ganzen slawischen Begriffe... ich wollte wissen, was diesen Charakter treibt. Ich wollte wissen, warum er so ist. Kai und ich haben uns dann erst einmal diesen Fragen gestellt und stiegen nach und nach in den Text ein. Wir waren sofort auf einer Welle obwohl wir vorher noch nicht zusammen gearbeitet hatten. Während der Aufnahme sprach Kai dann sehr oft von „Beats“, die ich umsetzen sollte.

Beats? Wie meinte er das?

Er meinte das musikalisch und er meinte das rhythmisch. Ich wollte die Stimme nicht wie in einem Hörspiel zu stark verändern, um verschiedene Charaktere zu sprechen. Es sollte stärker über den Rhythmus der Sprache gehen. Kai hat da sehr viel von mir eingefordert, das war richtig gut so. Ich konnte seinen Zügeln total vertrauen und hab meine Kontrolle bereitwillig abgegeben. Das ging bei diesem Buch auch gar nicht anders. Der Text forderte meine komplette Aufmerksamkeit.

Gibt es eine Szene, die dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Ja, diese Stelle zum Beispiel vergesse ich nicht, als Alex in seinem merkwürdig naiven ignoranten Ton sagt: „Das Lustige ist in dieser Gesellschaft, dass sich alle fragen, wo kommt das Böse her – das fragt sich doch auch keiner beim Guten. Leute, wenn ihr das Gute mögt, geht da einkaufen, ich bin bloß Kunde im anderen Laden.“

Du sagst das mit einem gewissen Funkeln in den Augen...

Ganz ehrlich, unterm Strich ist es natürlich auch eine Freude, einen Typen zu lesen, der Sachen macht, die ich selber (betont) NIE machen würde. Es ist schon auch so, dass dieser krasse Ritt Lust macht, auf eine perverse Art und Weise, weil du eintauchst in diese krasse Welt.

Zu dieser krassen Welt gehört auch eine krasse Sprache. Du bringst die Begriffe der Jugendsprache in Clockwork Orange sehr locker rüber. Wie intensiv hast du dich mit dieser Sprache auseinander gesetzt?

Sehr intensiv. Einerseits habe ich ja das ganze Buch mehrmals gelesen bevor ich es überhaupt aufgenommen habe. Diese slawischen Begriffe waren dann natürlich eine besondere Herausforderung. Im Film hat man sie ins Englische übertragen. Als eine befreundete russische Künstlerin bei mir zu Besuch war, gab ich ihr eine ganze Liste mit Ausdrücken, die musste sie dann für mich sprechen und ich hab das aufgenommen. Aber am nächsten Tag dachte ich "Nein, das geht so nicht, das funktioniert so nicht." - Also hab ich es eingedeutscht. (Lacht) Das war also keine Faulheit sondern volle Absicht!

Clockwork Orange erschien erstmals 1962, das heißt vor 50 Jahren. Ist das Buch heute überhaupt noch aktuell?

Absolut. Da hat sich die Welt leider nicht sehr stark verändert. In Clockwork Orange wird Gewalt als etwas in uns Schlummerndes porträtiert, was monströse Formen annehmen kann. Ich denke es geht darum, dass das in jedem Land, in jeder Gesellschaft vorkommt und niemals ignoriert werden darf. Im Buch wird die Gewalt einfach mit Medikamenten behandelt. Dabei lässt der Staat außer acht, dass zur Bekämpfung von Gewalt auch ein moralisches Gerüst, ein menschliches Herz und Prinzipien gehören, die wir unseren Kindern angedeihen lassen müssen. Ich glaube das verliert niemals an Aktualität. Allerdings braucht man eine gewisse Reife, um das Buch bzw. das Hörbuch wirklich verstehen zu können, sonst wird es gefährlich, das haben Ausschreitungen in Bezug auf das Buch und den Film in der Vergangenheit leider gezeigt.

Vielen Dank für das Gespräch!


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